Tiere als Spiegel der Seele und Sinnbild der Kultur
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Kuh und Stier


Zum Symbol, zum Sinnbild gewordene Eigenschaften

  • Die Menschen begannen Wildrinder und Büffel vor circa 9000 Jahren zu domestizieren. Sie lebten von deren Milch und Fleisch, sie verarbeiteten das Fell zu Leder und ließen die Ochsen Lasten schleppen und Pflüge ziehen. Rinder, Kühe bestimmten ihr Leben.
  • Rinderherden wurden umsorgt und sorgten ihrerseits für die Gesundheit der Menschen. Sie standen auch für Wohlstand und Reichtum. In Nord-Amerika hatten wilde Büffelherden eine vergleichbar lebenswichtige Bedeutung wie die Kuhherden in Eurasien.
  • Die reichfließende, leuchtendweiße und süße Milch der Kuh ließ diese zum Inbegriff von Mütterlichkeit werden. Sie galt als die Mutter des Weltalls, die alle Lebewesen gebar und ernährte. Der Stier wurde mit dem beginnendem Patriarchat ob seiner ungeheuren Stärke zum Inbegriff männlicher Potenz und Kraft.


Fülle und Freude

Auffallend ist, wie viele Bezeichnungen es für Rinder gibt: "Kuh" für milchgebende Rinder, "Rind" für Jungkühe, "Stier" und "Bulle" für das männliche Zuchtrind, "Ochse" für den kastrierten Stier/Bullen, "Kalb" für das frisch geborene Rind. All diese Worte haben von ihrer Herkunft her nichts miteinander zu tun. Sie machen deutlich, wie differenziert die Menschen die Rinder wahrnahmen.

Der Oberbegriff "Rind" leitet sich vermutlich von "Rund"(-Horn) ab. Die Bezeichnung "Rindvieh" führt schon weiter zum Verständnis der Bedeutung dieser Tiere für die Menschen: Das Wort "Vieh" (got. faihu, engl. fee) bedeutete auch Vermögen. Die Menschen maßen füher ihren Besitz in der Anzahl an Rindern, die sie besaßen. Die Rinder waren ihnen wichtigste Lebensgrundlage. Alles von ihnen wurde verwertet: Milch, Fleisch, Fell, Sehnen, Horn und Knochen. Die Menschen behandelten ihre Herdentiere fürsorglich, sogar liebevoll. Jede Kuh, jeder Ochse erhielt einen sehr individuellen Eigennamen, der dem Aussehen und den Verhaltenseigenarten des Tieres entsprach. Auf kleineren Bauernhöfen ist das heute noch so. Kühe heißen "Blümchen", "Stolzi" oder z.B. "Weißkopf". Von Indien bis in die Alpen finden wir Spuren einer blühenden Hirtenkultur.

Krishna, der in Indien vor einigen tausend Jahren als Kulturbringer, als Verkörperung des Gottes Vishnu gelebt haben soll, wird in vielen Legenden als Kuhhirte gepriesen. Er spielte die Hirtenflöte so wunderbar, daß Mensch und Tier von diesen Melodien gleichermaßen bezaubert waren. Die Töchter der edelsten Fürsten lauschten seiner Flötenmusik als Kuhhirtinnen. Die Kühe wurden von ihnen bekränzt und zur Musik umtanzt. Der jährliche Almabtrieb in den Alpenländer steht in der gleichen Tradition: Kränze, Tänze und Feiern mit den Kühen im Mittelpunkt.

Das Kuhhorn wurde ausgehend vom römischen Kulturraum als das "Füllhorn" der Glücksgöttin Fortuna zum Inbegriff des Überflusses. Alle Früchte der Welt bringt es - so wie alle Freude - unerschöpflich aus sich selbst hervor.


Fürsorge und Gesundheit

Da die Rinder, besonders die Milchkühe, so außerordentlich wichtig für die Menschen waren, hat sich sehr viel Brauchtum und Aberglaube um die Sorge herum entwickelt, wie sie zu schützen seien. In Indien erhielten die Zugochsen nach einer religiösen Feier von den geweihten Gaben zu fressen. In Deutschland war es im gleichen Geiste Sitte, daß die Bäuerin nach der Rückkehr vom Abendmahl den Kühen Heu gab. Kalbte eine Kuh, so fütterte die Bäuerin sie mit Butterfladen. Sie legte ihr auch Bettstroh unter und zündete geweihte Kerzen an.

Die Gesundheit der Rinder wurde beachtet und gefördert. Unzählige Volksrezepte erzählen davon: Brot mit Butter, Dill, Salz und Zwiebeln als Stärkungsmittel; Branntwein mit Brotkrumen gegen Verstimmung; Baldrian, Dost und Dill nach dem Kalben; usw. Auch vor Verhexung schützte man das Vieh. Nur zwei Beispiele: drei Tage nach der Geburt eines Kalbes darf der Stall nicht verunreinigt werden, sonst wird das Kalb verhext. Betritt jemand in dieser Zeit den Stall, dann muß er sich rückwärts stellen und laut sagen: "Rücken herein, Unglück heraus." Auch auf die Gefühle der Mutterkühe, möchte man sagen, wurde durch rituelle Vorschriften Rücksicht genommen, um diese nicht zu verletzen. Von einem erstgeborenen Kalb durfte z.B. in manchen Gegenden Deutschlands nichts gebraten werden, da sonst die Mutterkuh verdorren würde. Im Judentum gibt es heute noch die Vorschrift, Rindfleisch nicht in Milch zuzubereiten, da dies die Mutterkuh quäle.

So, wie die Menschen für das Wohlbefinden ihrer Rinder sorgten, so glaubten sie auch umgekehrt, die Rinder könnten ihnen Gesundheit schenken. Im Roman "Wunder-Doktor Johann Andeas Eisenbart" wird beschrieben, wie ein adeliges Fräulein von der Auszehrung geheilt wird, nachdem Dr. Eisenbart verordnet hatte, daß sie ziemlich lange im Kuhstall leben mußte. Die Heiler im Alpenraum schickten schwache Menschen oft auf die Weiden, um dort eine Zeit lang mit den Rindern zu leben, denn sie glaubten, die Gesundheit der Tiere würde sich auf die Menschen übertragen. Sie verordneten ihnen eine Kur - so würde man das heute nennen. Die Schweizer Kuhhirten waren wegen ihrer großartigen Gesundheit und Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten aller Art im Mittelalter ganz besonders gesuchte Söldner. Es wurde vermutlich zu Recht angenommen, ihr Leben auf den hohen Almen bei den Kühen, und ihre vorwiegend aus Milch- und Käsespeisen bestehende Nahrung seien die Ursache solcher Gesundheit.


Zurück zu Respekt

In alpenländische Sagen sprechen die "Küher", die Kuhhirten, von ihren Bergen als einem Land, in dem "Milch und Honig fließt". Das Ende dieses Goldenen Zeitalters sei gekommen, so wird erzählt, als die Menschen hochmütig wurden und ihre Rinderherden nicht mehr mit Ehrfurcht behandelten.

Eine Schweizer Sage erzählt von dem "Schaltier": Immer dann, wenn Krieg oder Pest die Stadt bedroht, läuft ein gehäutetes Spuk-Kalb, das Schaltier, in Schmerzen brüllend und gellend durch die Metzgergasse zum Rathaus. Dieses Spuk-Kalb ist der Metzger selbst, der das Kalb quälte bis es starb. Er muß nun ohne Erlösung die Folterungen selbst ertragen, die er den Tieren zufügte, und den Menschen von ihren zukünftigen Qualen künden. - Diese Sage wurde den Kindern erzählt um sie anzuhalten, Tiere immer respektvoll zu behandeln.

Der Verlust an Respekt gegenüber Tieren, ganz besonders gegenüber den "Nutztieren", ist ein bittertrauriges Merkmal der heutigen Zeit geworden. Allein der Begriff Nutz-Tier sagt schon aus, daß ein Tier zu nichts anderem da ist, als zu des Menschen Nutzen. Sein Selbstwert als lebendiges, fühlendes Wesen wird - bewußt oder unbewußt - geleugnet.

Die Seuche BSE, der auch auf Menschen übertragbare Rinderwahnsinn, zeigt den Höhepunkt dieser lebensverachtenden Tierhaltung an. Diesen so friedlichen Pflanzenfressern wurden zu Mehl verarbeitete Fleisch- und Knochenreste ihrer eigenen Art als "Kraftfutter" gegeben. Die Menschen pervertierten sie sozusagen zu Kannibalen, um sie zu schnellerem Wachstum anzuregen, um mehr Profit aus ihnen herauszuschlagen. Die Rinder mußten bei solcher Behandlung ja tatsächlich "den Verstand verlieren". Die alte Weisheit der Bauern bestätigte sich nun: Gesunde Kühe machen gesunde Menschen - kranke Kühe machen kranke Menschen. Menschen, die von diesen BSE-kranken Tieren aßen, verloren selbst ihren Verstand. Der Schock darüber weckte die Gesellschaft auf. Der Fleischkonsum ging seitdem auffallend zurück. Massentierhaltung, auch grausame Tiertransporte sind in die Kritik der Öffentlichkeit geraten. Es gibt Hoffnung für eine Gesundung des Verhältnisses der Menschen zu den Lebewesen, die sie ernähren.


Die heilige Kuh

Kühe sind als Mich- Joghurt- Käse- und Fleischlieferanten für alle heutigen Volkswirtschaften sehr wichtig. In den vorindustriellen Zeiten dürfte ihre Bedeutung noch wichtiger gewesen sein, da es weniger Ernährungsalternativen gab. Damals wurde auch nicht technisch gedacht, sondern alles wurde mythisch, bildhaft erfahren und erklärt. So wundert es nicht, daß die Kuh als Inbegriff der alles gebärenden und alles ernährenden Schöpfungskraft dargestellt und geheiligt wurde.

In Ägypten war Hathor die göttliche Himmelskuh. Horus, der Lichtgott und ihr Sohn und Geliebter, besuchte sie des nachts als Stier. Gemeinsam erzeugten sie dann, als Kuh und Stier, alles weitere Leben auf der Welt. Andere Namen der Hathor waren Isis und Neith. Neith, die Göttin der Nacht, nannte sich: "Alles was war, was ist und was sein wird".

Dieses Verständnis der Dunkelheit ist, wie ich meine, im Menschen angelegt. Goethe formuliert es wunderbar im Faust, Mephisto sagt: "Ich bin ein Teil des Teils, der Anfangs alles war, / Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar, / das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht / Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht."

Die mythische Verbindung von Urschöpfung und Kuh war in ganz Eurasien verbreitet: In nordeuropäischen Mythen wird erzählt, der Riese Ymir schuf die Welt aus seinen Knochen und seinem Blut. Es wird auch erzählt, daß er von der Milch der Kuh Audhumbla lebte. Da sie ihn nährte, gebar sie ihn vermutlich auch als die Urmutter von allem. Was erschaffen, geboren wird, muß auch ernährt werden. Im Namen der nordeuropäischen Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus steckt das Wort "Erde", die Nahrungsspenderin. So erscheint es folgerichtig, dass Kühe deren Wagen zogen.

In Griechenland wird Hera, die Gattin Zeus´ und Hüterin des häuslichen Herdes, die "Kuhäugige" genannt. Sogar die Bundeslade der Juden wurde, wie der Prophet Samuel berichtet, von Kühen gezogen. Von Indien bis nach Ägypten war es verboten, Kühe zu opfern. Geopfert wurden nur Stiere. Noch heute ist es in Indien tabu, einer Kuh etwas anzutun, geschweige denn sie zu schlachten und zu verspeisen. Sogar ihr Mist wird als heilig verehrt. Die Redensart "eine heilige Kuh schlachten" hat hier ihren Ursprung. Damit ist gemeint, irgendein vermeintliches oder echtes Tabu zu brechen.

Ganz besondere Hochachtung galt der weißen Kuh. Im Buddhismus ist sie Sinnbild der höchsten Stufe der Erleuchtung - vor der Auflösung der Seele im Unendlichen. Den Indianern brachte die weiße Büffelkalb-Frau die Pfeife des Friedens und den Tabak. Sie erscheint hier als Kulturbringerin.


Ein Mantra ist eine Kuh

Im altindischen Rigveda (1000 v. Chr./ Veda: Wissen) steht der geheimnisvolle Satz: "In den Blitz sich verwandelnd streifte die Kuh ihre Hülle zurück." In seinem Buch "Tao der Symbole - vom wahren Wesen unserer Sprache" erleutert James N.Powell dazu: "Einer der vertrautesten Anblicke im vedischen (altindischen) Leben muß der Anblick der Mutterkühe gewesen sein, die ihren Kälbern zumuhten und sie säugten. Dieser Ausdruck mütterlicher Liebe ist in der Tat eines der zentralen Bilder der Veden. Mit ihm deuten die Seher ihre Erfahrung der Sprache an. Für sie ist das Rätsel oder Mantra eine Kuh. Wenn ein Rätsel in der Meditation aufplatzt, ist das Licht der dichterischen Vision, das den Geist durchflutet, eine Kuh, der tausend Ströme leuchtender Milch entströmen. So ist alles, was in den Veden Kühen widerfährt, ein algebraisches Symbol dessen, was der Sprache widerfährt."

Das Wort wird als Klang gedacht, der voller Bedeutung, Nebenbedeutung und Wissen ist, genau so, wie der Kuheuter voller köstlicher Mich ist. Der Donner ist Symbol für den Klang des Wortes, und der Blitz versinnbildlicht den Gedanken, die Idee, welche das Wort birgt. Man könnte sagen, der Blitz ist der Augenblick beglückender Erkenntnis, der Durchleuchtung des Geistes durch das Donner-Wort. Für die altindischen Menschen war die Bedeutung des aus dem Euter spritzenden leuchtendweißen Milchstrahls vergleichbar dem leuchtendweißen Blitzstrahl aus den Wolken heraus. Der Satz "In den Blitz sich verwandelnd streifte die Kuh ihre Hülle zurück" ist selbst ein Mantra, ein unerklärbares Rätsel, daß seine Enträtselung rätselhafter Weise - in der Meditation - in sich selbst offenbart.


Die Milch

In einem altägyptischen Relief wird die Urgöttin Neith dargestellt, wie sie sich zu Boden beugt, ihre Füße und ihre Hände dabei die Erde berühren, und ihr Körper das Firmament bildet. Aus ihren Brüsten fließt Milch, die Milchstraße. Die Milchstraße ist nicht nur eine zufällige Sternenansammlung, sie ist unsere Heimat-Galaxis. Das Wort Galaxis leitet sich von griechisch Gala ab, was Muttermilch heißt. Es gibt eine alte Legende, nach der der Mond aus Molkenkäse besteht. Es heißt, er sei geronnen aus der Milch der Milchstraße.

Die Etrusker benannten das Land um Rom nach ihrer milchspendenden Göttin Lat "Latium". Sie hieß in Griechenland Latona oder Leda, bei den Arabern Al-lat. Die Sprache "Latein" bedeutet also die Milch-Sprache oder die Muttersprache.


Die rechte Mutter

Ein sehr altes deutsches Märchen erzählt die Geschichte eines verstoßenen Mädchens und des "Erdkühleins". Herausgegeben wurde es zwischen 1559/1566 von Martin Montanus. Der Inhalt:

Eine Frau hat zwei Töchter, ihre geliebte eigene Tochter Annelein und die gehaßte Stieftochter Margaretlein. Auf den Vater hört die Mutter nicht, er kann Margaretlein deshalb nicht helfen. Die Mutter und Annelein schmieden Pläne, sie in den Wald zu schicken, damit sie von den wilden Wölfen zerrissen werde. Aber Margaretlein belauscht sie. Sie läuft zu ihrer Patin und bittet um Hilfe. Die Patin meint es gut und rät ihr, Sägemehl, Spreu und Hanfsamen auf ihrem Weg in den Wald auszustreuen, damit sie zurückfinden könne. Zweimal findet Margaretlein so zurück, aber beim dritten Mal haben die Vögel den Hanfsamen gefressen, und so muß sie weiter im Wald umherirren. Sie findet ein verstecktes Häuschen, und darin wohnt das Erdkühlein. Das Erdkühlein gibt ihr wunderbare Speisen und kleidet sie wie eine Königstochter. Dafür muß sie versprechen, ewig bei ihr zu bleiben und niemandem zu verraten, daß sie "an diesem End sei."

Annelein bereut inzwischen ihre Tat und sucht Margaretlein. Auch sie findet das Häuschen im Wald. Margaretlein erzählt ihr vom Erdkühlein. Sie muß deshalb nun das Erdkühlein für immer verlassen. Dieses sagt ihr beim Abschied voraus, sie würde eine große und mächtige Frau werden. Die böse Mutter holt die Mädchen zurück und schlachtet das Erdkühlein. Aber Margaretlein hat von ihm den Schwanz, ein Horn und einen Huf vergraben. Daraus wächst ein herrlicher Apfelbaum. Eines Tages reitet ein mächtiger Herr mit seinem kranken Sohn vorbei. Dieser Sohn wünscht sich Äpfel zu seiner Gesundung, und nur Margaretlein kann ihm diese bringen. Der Herr fragt sie, ob sie mit ihnen gehen möchte. Margaretlein sagt ja, und sie wird zu der mächtigen, großen Frau, wie es das Erdkühlein prophezeit hatte. (Und wenn sie nicht gestorben ist,...)

Das Märchen erzählt vom klassischen Konflikt der "Stieftochter". Sie ist anders als ihre Mutter, sie denkt und fühlt in einer für diese sehr fremden Art und Weise. Die Mutter/Stiefmutter will sie deshalb ausstoßen. Daß der Vater ihr nicht helfen kann legt die Deutung nahe: das Thema des Märchens sind rein weibliche Aspekte und Seinsweisen, die miteinander agieren.

Die Patin kann Margaretlein trotz aller Güte und Weisheit nur kurzfristig helfen. Sie ist ein Teil der äußeren, realen Welt. Ihr Scheitern bedeutet hier, daß Hilfe nicht in der Außenwelt gefunden werden kann, sondern nur in der inneren. Diese Hilfe verkörpert das Erdkühlein. Es ist Sinnbild der "rechten Mutter". Diese Mutter ist nur im Verborgenen, im "inneren Wald", in der eigenen Seele zu finden. Sie ist "Anima" in ihrem mütterlichen, Nahrung und Wachstum bringenden Aspekt.

Eine oberflächliche und eitle Natur (Mutter und Annelein) versteht diese inneren Welten nicht, deshalb ist es klüger, darüber zu schweigen. Margaretlein hält sich nicht an diesen Rat. So wird sie von Mutter und Schwester in deren Welt zurückgezogen, ihrem Inneren wieder entfremdet. Man könnte diesen Sog vielleicht Gruppendruck einerseits, oder Anpassungswillen andererseits nennen. Aber sie hat die Essenz ihrer inneren Erfahrungen (Schwanz, Horn und Huf des Erdkühleins) in ihrem Herzen eingegraben. Daraus erwächst ihr echte Liebesfähigkeit. Der Apfelbaum mit seinen Äpfeln als Liebes- und Sonnensymbol ist Ausdruck ihres Selbst. - Sie wird eine "mächtige und starke Frau" in der Welt, da sie es auch in ihrer Seele ist. Sie wächst über das selbstbezogene und veräußerlichte Lebensverständnis von Mutter und Schwester, über deren Schwäche hinaus. Es gelingt ihr, sich aus einer falschen Mutterverstrickung herauszulösen.

Der Konflikt im Märchen und seine Lösung ist aber auch so deutbar, daß Margaretlein ihren eigenen selbstsüchtigen und gefühlskalten Schattenseiten in Gestalt von Mutter und Schwester gegenüber steht - und sie durch die Begegnung mit der "rechten Mutter", mit "Anima", überwindet.

Daß in diesem Märchen die Kuh "Erd-Kühlein" genannt wird, betont ihre mütterliche Bedeutung als grundlegendes Lebensprinzip: die Kuh als Mutter Erde selbst. Die Erde nährt uns, sie bringt uns aus sich hervor, und sie nimmt uns wieder zu sich zurück. Die Sprache vermittelt die gleichen Assoziationen: das Wort "Kuh", engl. "cow", heißt in indisch "go". Das indische Wort für Erde ist ebenfalls "go". Vermutlich hat es den gleichen Wortkern wie griech. "geo" und wie "Gaia", der Name der Erde als Göttin.

Das "Erdkühlein" war eines von Goethes Lieblingsmärchen. In einem Brief an Charlotte von Stein schrieb er: "...und nun Erdkulin für ewig."


Die Weiße Büffel-Frau

In einer weit verbreiteten Legende der Indianer des Mittleren Westens, der Dakota/Lakota (Sioux), offenbart sich die Erde auch im Symbol einer Frau. Sie ist in ein weißes Büffelfell gekleidet. In Nordamerika hatten die wilden Büffelherden die vergleichbar lebenserhaltende Bedeutung, wie die zahmen Kuhherden sie in Eurasien hatten. Diese Weiße Büffelfrau wird als Tochter des "Wi"=Sonne verehrt. Die Legende gibt es in mehreren Variante, im Kern geht es dabei immer um folgendes Geschehen:

Vor langer Zeit herrschte bei den Prärievölkern eine Hungersnot, da die Büffel (Bisons) nach einem schrecklichen Winter verschwunden waren. Zwei junge Brüder zogen trotzdem zur Büffeljagd aus, und plötzlich stand ein schönes junges Mädchen, in weißes Büffelleder gekleidet, vor ihnen. Der eine Bruder begehrte sie sogleich und wollte sie sich nehmen, da erschlug ihn ein Blitz und zerschmolz ihn zu einem Haufen Knochen. Der andere Bruder zeigte nur Ehrfurcht vor ihr, und sie lehrte ihn und sein Volk sieben heilige Riten, um die Erde und die Büffel zu erhalten. Die Schwitzhütte, die Friedenspfeife und der Sonnentanz gehörten dazu. Sie kündigte an, dass sie lange Zeit nicht mehr erscheinen werde, wohl aber in einer viel späteren Zeit großer Krisen und Erschütterungen, bevor die große Reinigung von Mutter Erde begänne. Sie würde dann die Natur und die sie ehrenden Menschen schützen. Danach verwandelte sie sich in ein weißes Büffelkalb und die Bisons kamen zurück.

Diese Legende bestimmt das Indianische Denken auch heute. Die Zeit großer Krisen wird als die heutige Zeit erlebt, denn die Menschen seien mit Wakan Tanka, dem Großen Geist, zerfallen. Habsucht und Feindschaft bestimmten das Leben, und das Schicksal des gierigen Bruders, der Feuertod, stünde der Menschheit bevor. Der Einklang zwischen männlich und weiblich, zwischen Himmel und Erde sei verloren gegangen. In Sinn dieser Legende macht vielen Indianern inzwischen Hoffnung, dass seit den neunziger Jahren einige weiße Büffelkälber geboren wurden, die keine Albinos sind. Es wird von diesen als Beginn der prophezeiten und nun bevorstehenden "großen Reinigung der Erde" verstanden, nach der in einem neuen Zeitalter das Leben wieder harmonisch und im Einklang mit allem sich entwickeln wird.

Diese Legende erzählt ziemlich unverschlüsselt von den "zwei Herzen in der Brust" der heutigen Menschheit: der eine Bruder der Legende will sich die Weiße Büffelfrau "nehmen", er steht für die Menschen, die sich Mutter Erde "untertan" gemacht haben, und sie bis zum Verschwinden des Lebens (der Büffel) ausbeuten. Der andere Bruder steht für jene Menschen, welche die Erde respektieren, sie lieben und von ihr lernen wollen.

Die Riten, welche die Weiße Büffefrau den Dakota vorgab, symbolisieren die innere menschliche Haltung, welche der Erde und dem Leben auf ihr angemessen, wertschätzend und damit lebenserhaltend ist: Die Schwitzhütte reinigt von Gift- und Abfallstoffen, welche sich im Körper angereichert haben - und damit reingt sie auch die Seele. Die Friedenspfeife symbolisiert mit ihren Stiel das Männliche und mit ihren Kopf das Weibliche. Sie wird nur für eine Zeremonie zusammen gesteckt, damit das Feuer der Vereinigung männlicher und weiblicher Energien Frieden schafft. Der Sonnentanz wird nur von Männern getanzt: sie binden sich mit durch ihre Brustmuskeln gezogenen Riemen an einen zentralen Pfahl fest, den ich als Lebensbaum verstehe, und tanzen um ihn herum, bis ihre Muskelfasern durchreißen. Ihr Schmerz soll aus dem Verständnis des Ritus heraus den Schmerz ausgleichen, den Frauen bei Entbindungen erleben. Auch hier wieder, wie beim Pfeifenritual, das Ziel der Balance zwischen weiblichem und männlichem Erleben. Da die zerreißenden Brustmuskelfasern über dem Herz liegen, sehe ich in diesem Ritual auch die Liebe zum Weiblich-Mütterlichem sich ausdrücken. Die weiße Büffelfrau verschwindet, nachdem sie ihre Lehren weitergegeben hat, als weißes Büffelkalb, ein Zeichen heller Zukunft, welche alle Menschen erwarten können, wenn sie sich in allem immer wieder um Ausgleich und Balance bemühen. Eine Legende, eine Tradition voller Weisheit.

Die Weiße Büffelfrau erschien den Brüdern der Legende nach bei den "Black Hills" (South Dakota/ Wyoming), nahe des Devils Tower (Wyoming). Vor vielleicht 5 Jahren hatte ich das große Glück, im für die Lakota heiligen Bereich des Reservats "Black Hills" eine spontane Gebetszeremonie mit dem Heiligem Pfeifenritual miterleben zu können. Die Gebete des Indianers um Frieden und Respekt für die Erde und alle Menschen war so bewegend, ich sah Frauen und auch Männer, Touristen wie ich, weinen.

Ganz in der Nähe dieses Heiligen Bezirks in den Black Hills steht Mount Rushmore mit seinen riesigen in den Fels geschlagenen Präsidentenköpfen als Herrschaftssymbolen. Welch ein Kontrast - welch schmerzende Polarisierung zur Indianischen Tradition der Ureinwohner dort. Diesen Schmerz - und seine Lösung - bringt der Traum einer Freundin, die nicht einmal mit der indianischen Kultur besonders verbunden oder vertraut ist, wunderbar zum Ausdruck: Im Traum ist ihr linkes Auge innen drin mit Wasser überfüllt, es läuft nicht ab. Der Adler fliegt zu ihr, aber er gibt ihr zu verstehen, dass er nicht helfen kann. Um den Hals trägt er ein großes Amulett mit dem Bild eines Büffels. Der kann Heilung bringen. - Die Traumbilder sprechen für sich: die Herrschaft des Adlers, der Kriegshelden, der Kaiser und Präsidenten, der analytischen Denker und der Vernunft ist nicht die Lösung, sondern jeder muß zur Ergänzung seines Adlerwesens - zum Ausgleich und damit zur Heilung - den Büffel, die Erde in sein Herz lassen. Dann muß das linke Auge, die Herzseite, nicht mehr tief innen über unsere Welt weinen.


Das Stierzeitalter

Die Kuh symbolisiert durch die Zeiten hindurch sehr andere Qualitäten als der Stier, dem ich mich nun zuwenden möchte:

Die Zeit von 4000 bis 2000 v.Ch. wird das astrologische Stierzeitalter genannt. Der Frühlings- Äquinoktialpunkt (Tagundnachtgleiche) zog ganz langsam rückläufig aus dem Sternbild Zwillinge, über das Sternbild Stier, in das Sternbild Widder. So erstaunlich - oder auch gerade nicht erstaunlich - es ist, dieser Zeitraum kann auch aus kultureller Sicht das Stierzeitalter genannt werden. Fast jeder Gott des antiken und des vorderasiatischen Kulturraumes, der damals noch die "Welt" bedeutete, verkörperte sich in diesem Zeitalter als ein Fruchtbarkeit schenkender Stier. Das Taurusgebirge in Anatolien wurde nach dem Stiergott (taurus: Stier) benannt. In diesem Gebirge entspringen der Euphrat und seine Nebenflüsse, welche die damaligen Hochkulturen, wie z.B. Babylon und Ur, mit dem für den Ackerbau notwendigen Wasser versorgten.

Der Mond - als der "Mondstier" - stand für Potenz und Fruchtbarkeit. Auch Flüsse, Regen und Tau ließen die Menschen an einen befruchtenden Stier denken. Die jährlichen Überschwemmungen des Nils wurden das "Geschenk des Stieres" genannt. In Indien reitet der Gott Vischnu auf einem heiligen Stier - der Stier hier als Phallussymbol. Der weiße Mondstier El, oberster Gott des semitischen Pantheons, war der Gatte der göttlichen Kuh Mari-Ashera.

Der Kultplatz des lokalen hebräischen Mondgottes Sin befand sich auf dem Berg Sinai. Barbara G.Walker schreibt: "Mose erstieg den heiligen Berg Sinai und kehrte zum Zeichen seines Zusammentreffens mit dem Gott "gehörnt" zurück. In der üblichen Übersetzung der Stelle heißt es, er stieg von Sins Berg mit "strahlendem Gesicht" herab, aber im Hebräischen kann das entsprechende Wort sowohl einen "gehörnten" als auch einen "strahlenden" Kopf bezeichnen." Der Mond strahlt als abnehmender oder zunehmender "Mondstier" tatsächlich gehörnt. Das hebräische Wort bedeutet so gesehen "hornhaftes Strahlen wie der Mond".

Die Sonne - als der "Sonnenstier" - symbolisierte Aktivität und Kraft. Berühmt sind altägyptische Reliefs des Apisstiers. Er trägt darin die Sonnenscheibe zwischen seinen Hörnern. - Eine rein männlich-kriegerisch geprägte Spätform der Stierverehrung (circa 1000 v.Ch.) stellt der persischen Mithraskult dar. Der Stier verkörperte darin die unbesiegbare Sonne. Seine Anhänger ließen das Blut des sterbenden Opferstieres über ihren Körper fließen, um so sonnengleiche Siegeskraft zu erlangen. Hier hat der Begriff "Bluttaufe" seinen Ursprung.


Königsopfer - Stieropfer

Es war in den frühen Ackerbaukulturen kultische Regel, den König zu opfern, damit sein Fleisch oder seine Asche den Boden zu neuem jährlichen Wachstum anregte, und seine Seele die Sonne zur Sommer-Wiederkehr führte. Mit ihm wurden eins oder mehrere ausgewählte Mädchen, manchmal auch Jungen, als sein Gefolge getötet. Diese Tradition hat sich in Zentralafrika stellenweise noch bis ins 18. Jahrhundert erhalten, doch in den frühen kleinasiatischen Hochkulturen wurde immer seltener der König selbst geopfert, sondern statt seiner ein Stier. Das Ersatzopfer konnte sozusagen nur ein Stier und kein anderes männliches Tier sein, denn der Göttin, der er als Verkörperung des "Mondstieres" geopfert wurde, war ja die "Himmelskuh", seine Mutter und Gemahlin in ihrem Aspekt, durch Tod neues Leben und neue Vegetation zu erbringen. Außerdem gibt es wohl auch kein Tier, das Männlichkeit, Kraft und Potenz besser symbolisieren würde als der Stier. So gesehen stellt er aus damaliger Sicht das Idealbild des Königs dar, so wie die Kuh das Idealbild der Mutter-Geliebten war.

Der Stiergott wurde als "Mondstier" in seinem Sterben, in seinem Opfertod mit dem Neumond gleichgesetzt und mit dessen Wiederauferstehung nach drei Tagen. J. Campbell schreibt dazu in "Mythologie der Urvölker": "Ich glaube wirklich, daß wir in der halafischen Symbolik (Tonschalen von ca. 4000 v.Ch.) des Stieres und der Göttin,..., das älteste bislang überhaupt entdeckte Zeugnis für die ungeheuer einflußreiche Mytholgie besitzen, die für uns mit den großen Namen Ischtar und Tammuz, Isis uns Osiris, Venus und Adonis, Maria und Jesus verknüpft ist." Oft wurde drei Tage nach der Opferung des Stieres dem Volk ein Stierkalb vorgeführt, das die Rolle des neuen Opfertieres bekommen hatte. Es war das "Goldene Kalb", die Verkörperung des jungen "Mondstieres" in seinem goldenen Licht als Mond. Das biblische Verbot, das "Goldene Kalb" anzubeten, meinte den Mond nicht mehr als Stiergott und als Gemahl der Großen Himmelsmutter anzubeten.

Die griechische Sage vom Minotaurus zeigt sehr deutlich die Übergangsphase auf, in der statt des Königs ein Stier geopfert wurde. Der Minotaurus ist ein Mischwesen: er hat den Kopf eines Stieres und den Körper eines Mannes. Seine Mutter ist die Gattin des kretischen Königs Minos, sein Vater ein Stier aus der Herde des Poseidon. Poseidon steht als Gott des Meeres in engem Zusammenhang mit Fruchtbarkeit und mit dem Mond. Sein Stier ist ein "Mondstier", und damit ein Opferstier. In der Sage heißt es, alle neun Jahre wurden dem Minotaurus sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge zum Fraße vorgeworfen. Dies ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine Umformung der Erinnerung an die Zeiten, in denen Mädchen und Knaben dem König, oder dem Stier, als Mitopfer in den Tod folgen mußten.

Die Stierkämpfe in Spanien sind ein letzter, bis zur Irrsinnigkeit verformter ritueller Rest der heiligen Stieropfer zur Erneuerung allen Lebens und zu dessen Ernährung.


Trost
Eine junge Frau träumte:

Sie sucht ihren Weg. Es ist kalt, überall liegt Schnee. Vor sich sieht sie einen Wegweiser. Aber was darauf geschrieben steht kann sie nicht enträtseln. Sie folgt der Richtung. Nun sieht sie neben sich eine weite grüne Wiese, auf der eine riesengroße Kuh steht. Sie säugt viele Kälber. Die junge Frau fühlte sich durch diesen Traum getröstet. Sie lächelte: Wohin der Weg führt, das weiß ich nicht. Aber wohin auch immer, ich werde mich nicht sorgen müssen.

Jeder Weg ist eine Milchstraße - zu einer Zukunft in Fülle, Wärme und Gemeinsamkeit - wenn ihr die Große Kuh im eigenen Herzen erkennt und sie dort zu hüten bereit seid.



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Cornelia Savory-Deermann Cornelia Savory-Deermann

Cornelia
Savory-Deermann
, geboren 1945 in Wuppertal, hat seit 1971 Englische Bulldoggen. Seit Mai 2005 haben die Bulldogs hier ihr eigenes deutsches Weblog bekommen:

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Die Buchkapitel:

Inhalt

Einleitung

Tiere als Spiegel der Seele

Tiere als Sinnbild der Kultur

Bilder von Maggie M. Roe

1. Adler
2. Bär, Bärin
3. Biber
4. Biene
5. Delphin
6. Esel
7. Eule
8. Falke
9. Fisch
10. Fledermaus
11. Frosch, Kröte
12. Fuchs
13. Gans
14. Hase
15. Hirsch
16. Huhn, Hahn
17. Hund
18. Katze, Kater
19. Krebs
20. Kuh, Stier
21. Maus
22. Möwe
23. Mücke
24. Muschel
25. Otter
26. Pferd
27. Rabe
28. Ratte
29. Reh
30. Schaf, Widder
31. Schildkröte
32. Schlange
33. Schmetterling
34. Schwan
35. Schwein, Eber
36. Seehund
37. Spinne
38. Storch
39. Taube
40. Wal
41. Wolf
42. Ziege, Z-Bock

Literatur-Verzeichnis




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