Tiere als Spiegel der Seele und Sinnbild der Kultur
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Pferd


Zum Symbol, zum Sinnbild gewordene Eigenschaften

  • Das Pferd schenkte den Menschen Mobilität. Es ließ seine Reiter zu Eroberern werden und diente ihnen als Schlachtross: es war das Identifikationstier der indogermanischen Reitervölker.
  • In ältester Zeit wurde das Ross als der Gott der Sonne, des Windes und des Wassers verehrt. Der Schimmel galt als sonnengleich, und Ross und Reiter wurden zur kulturprägenden Einheit, die einen Individualisierungsprozess anstieß.
  • Das Pferd wurde auch als starkes Arbeitstier hoch geschätzt. Sinnbild tiefer Lebensenergien ist es durch alle Zeiten hindurch geblieben.


Die Welt erobern

Das Pferd lebte ursprünglich nur in den russisch-sibirischen Steppen. In Alteuropa war es unbekannt. Nach Amerika wurde es sogar erst in der Neuzeit durch die Spanier eingeführt. Seine Domestizierung erfolgte vor circa 7000 Jahren in den südrussischen Steppen durch die Proto- Indogermanen. Als Reittier verschaffte es ihnen beglückende, aber auch Gewalt begünstigende, neue Freiheitsgrade. Sie züchteten und erzogen es zum unentbehrlichen Reittier der Hirten und zum Schlachtross der Krieger. Sie erlebten die Weiten der Welt auf seinem Rücken als windesschnell überwindbar - sie wurden als erste Menschen mobil.

Das Pferd machte sie allen anderen Völkern der damaligen Zeit überlegen. Sie begannen ihren Eroberungszug - zu Pferde - in Richtung Europa. Die matristischen Ackerbaukulturen Alteuropas wurden von diesen kriegerischen patriarchalen Reitervölkern nach und nach unterworfen und absorbiert. Als alteuropäische Sprachen überlebten nur das Baskische in den Pyrenäen und das damit möglicherweise verwandte Piktische im schottischen Hochland sowie in den germanischen Sprachen alle Worte, die mit der See und der Seefahrt zu tun haben. Piktisch starb im frühen Mittelalter unter der Gewalt der einrückenden Kelten aus.

Später bekämpften sich die indogermanischen Völker untereinander, weil Erobern und Kämpfen einfach zu ihrer zweiten Natur, zu ihrer Helden-Kultur geworden war. Das Pferd wurde "Kriegsgerät" - als Trojanisches Pferd und gepanzertes "Einsatz-Mobil". Die Archäologin Marija Gimbutas schreibt darüber: "Wenn wir auf die europäische Geschichte zurückblicken - auf die unaufhörlichen Massaker durch die Reitervölker der Skyten, Sarmaten, Hunnen, Awaren, Römer, Slawen und Wikinger, die Kelten mit ihren von Pferden gezogenen Streitwagen, auf die von Homer beschriebenen Metzeleien und die christlichen Kreuzzüge -, so sehen wir, daß mit dem Reitpferd das Morden zu einem beherrschenden Aspekt des Lebens wurde." Die germanischen "Walküren" dokumentieren diesen Kampfkult sehr gut. Sie "kürten" die Helden, die verwundet werden durften für den Ehren-Einzug nach "Walhalla", der Halle der tödlich verwundeten (Wal, lat. vulnus=Wunde) Kämpfer.

Der Eroberungstrieb ist bis heute nicht erloschen. Nachdem in der Neuzeit auch Amerika, Australien und Afrika an die Nachfahren dieser Proto- Indogermanen gefallen waren, wandten diese sich dem Mond und dem Weltall zu.... Das Pferd wurde zwar durch Fahr- und Flugzeuge ersetzt, deren Kraft wird aber, neben Kilowatt, immer noch in PS, in Pferdestärken gemessen. Wie kein anderes Tier prägte das Pferd das Wesen der Indogermanen, den Kern der westlichen Kultur. Es trug sie im wörtlichen und im übertragenen Sinn fort in ihrem Freiheitsdrang, ihrem Eroberungs- und Machtwillen, in ihrer Forschungslust, in ihrer Sehnsucht nach neuen Weiten und Welten.


Pferd, Ross, Hengst,...

Die gRosse Bedeutung der Pferde für die indogermanischen Reitervölker läßt sich auch aus den vielen Bezeichnungen für diese ableiten, die sprachlich von einander unabhängig sind. Sie sind als Ausdruck der jeweiligen Funktion des Pferdes oder als besondere Merkmalbezeichnungen entstanden.

Stute, das Gestüt leitet sich von der Silbe "sta=stehen" ab und bezieht sich auf die Fortpflanzung. Im Englischen bedeutet es heute ganz allgemein Zucht; z. B. wird ein Deckrüde "Stud Dog" genannt. Und das Fohlen "fällt" aus der Stute. Sehr viel differenzierter und umfangreicher sind die Bezeichnungen für männliche Pferde.

Das Wort "Pferd" gibt es erst seit dem Mittelalter, es leitet sich von "Post"-Pferd ab. Zum neutralen (das Pferd) Gattungsbegriff wurde es also sprachgeschichtlich betrachtet sehr spät. Die zoologische Gattungsbezeichnung ist "Equus" (lat.), von ihr leitet sich "Hengst" ab. Die frühere Männlichkeitsbedeutung des Pferdes wird dadurch offensichtlich. "Ross und Reiter" haben den gleichen Wortstamm wie "Reisen", in "Ross" wird die Mobilität namengebend. "Gaul" ist ein Ausdruck für männliche Tiere, das Wort hängt mit "gießen" als Fruchtbarkeitshinweis zusammen. Ein "alter Gaul" ist jemand, der es nicht mehr so kann. Entsprechend ist eine "Mähre" eine Stute, die zu alt zum Gebären ist. Ein "Wallach" ist ein verschnittenes Pferd. "Wal" hängt mit "Wunde" (lat. vulnus) zusammen. Die Bezeichnungen Fuchs, Brauner, Falbe, Rappe (="Raben"schwarzer Hengst) und Schimmel (glänzender, schemenhafter Hengst) differenzieren, ja individualisieren nach der Fellfarbe. Der Schimmel hatte zusätzlich auch eine wichtige spirituelle (Himmel-Schimmel) Bedeutung.


Sonnenpferd Schimmel

Die Proto- Indogermanen beteten die Sonne als Ursprung allen Seins und als männlich an. Sonne, Sein, Sohn - diese Worte haben den gleichen Wortstamm und geben so Ausdruck des Lebensgefühls jener Menschen. Der Schimmel war ihnen Widerglanz der Sonne in all ihrer Kraft.

Von den Persern bis hin zu den Germanen galten weiße Rösser als heilig. Die Griechen stellten sich vor, der Tag würde von weißen, feurigen Rössern heraufgeführt. Die Rösser der indogermanischen Götter waren, als Symbol des Göttlichen selbst - nämlich der Sonne - weiß. Odins Ross war ein Schimmel; Die Götter Vishnu in Indien und Donogue in Irland wurden von einem weißen Ross begleitet. Der Glaube an die Göttlichkeit des Schimmels überlebte im europäischen Volkstum deutlich. Verzauberte Prinzessinnen erscheinen, wie es hieß, alle sieben Jahre als weiße Stuten, und vieles mehr. Auch in den Heldensagen spielt der Schimmel eine herausragende Rolle. Als Alexander der GRosse geboren wurde, soll gleichzeitig eine edle Stute ein Schimmelfohlen geworfen haben, das ihm vom Schicksal bestimmt war. Auch die späteren Kirchenheiligen wie Georg, Michael und Nikolaus wurden auf Schimmeln gedacht und gemalt. Spuren dieses Schimmel- Sonnenkultes wurden auch in Kinderreimen bewahrt: "Kummt´n Mann von´n Himmel, mit´n witte Schimmel."

Im Mittelalter war die symbolische Zuordnung des Schimmels zur Sonne endgültig vergessen. Er galt ob seiner Weiße als im christlichen Sinne rein. Hochzeitskutschen werden heute noch von zwei Schimmeln gezogen, sie symolisieren wie das weiße Kleid die "Reinheit" der Braut.


Ross und Reiter

Früheste, aus Knochen geschnitzte Skulpturen, die in der Wolgaregion gefunden wurden, stellen doppelköpfige Pferde dar. Auf frühbronzezeitlichen Felsbildern in Schweden sowie in indischen Mythen ziehen zwei Pferde die Sonne. In der späteren Bronzezeit werden diese Zwillings-Pferdegötter bereits antropomorh überliefert. Die Dioskuren Castor, der Rossbändiger, und Pollux, der Steinewerfer und Faustkämpfer, haben hier ihren Ursprung. Als Steinewerfer, einer schon damals äußerst altertümlichen Kampfart, gibt er einen Hinweis auf das Alter dieser Zwillingsvorstellung und läßt an glühende Meteoriten, "die die Sonne wirft", denken. Die russischen Pferdeheiligen Florus und Laurus, sie sind Zwillinge, sind späte "Nachfahren" dieser Pferdezwillinge. Als achtbeiniges, das heißt zweimal vierbeiniges Pferd trägt Sleipnir, Odins Ross, ebenfalls noch den Zwillingsaspekt in sich. Die weitverbreitete Sitte in Norddeutschland, am Giebel eines Hauses zwei stilisierte Pferdeköpfe anzubringen, ist nach Ansicht vieler Forscher ebenfalls als abgeleitetes Sonnensymbol zu verstehen. Auch hier also ein Nachklang an die Sonne und ihre Zwillingskraft.

Im Tarot-de-Marseille Set und vielen anderen alten Sets sind auf der Karte "Sonne" unter oder auch in ihr Zwillingsknaben abgebildet. Im Waite-Rider Set dagegen reitet unter der Sonne ein Knabe jubelnd auf einem Schimmel. Das Zwillingsthema wird hier als Knabe-Schimmel interpretiert. Ich vermute, dass in der Waite-Rider Karte der Ursprung des Zwillingspaares als Sonnensymbol zutage tritt. Zwillingsein ist Sinnbild gRosser, gedoppelter Kraft. Es bringt eine Zweiheit zum Ausdruck, die nicht polar ist: Die Sonnenkraft wird nämlich nicht als männlich-weiblich aufgefaßt, sondern als männlich-männlich, als Ross-Reiter.

Das Zwillingsthema erscheint als Pferd-Pferd, Mann-Mann und als Pferd-Mann. Ein Zwilling ist in diesem Zusamenhang das Alter Ego des zweiten. Der Eine ist das Idealbild des Anderen, er bedeutet Verstärkung, Potenzierung der Kraft, die dabei Eins bleibt. Das Zwillingspaar Mann-Pferd findet seine Verschmelzung zu Einem in der Gestalt der Zentauren. Ihr Oberkörper war Mensch - wie der Reiter - der Unterkörper Pferd. Ross und Reiter als Eins.


Prozess der Individualisierung

In diesen sonnenanbetenden Reitervölkern entwickelte sich ein wachsendes Bewußtsein persönlicher Individualität. Ross und Reiter wurden zur primären Einheit, die Horde immer mehr zur sekundären. "Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde" war männliche Lebenserfüllung. So wie die Sonne tagsüber einzig und alleine, sternlos solo (Sonne: lat:sol, franz:soleil) am Himmel steht, so wurde der Mensch bei diesen Reitervölkern als einzig und ein-malig gedacht. Wie Erich Neumann in der "Geschichte des menschlichen Bewußtseins" schreibt, entwuchs das Ego der mütterlichen Symbiose. Das alte zyklische Lebenskonzept mit dem Mond als Vorbild ewiger Wiedergeburt, und damit der Viel-maligkeit des Lebens, verlor sich ins Unbewußte. In Alteuropa hatten die Skulpturen der Göttin - als Aspekte der GRossen Mutter - funktionalen, aber noch keinen persönlichen Charakter gezeigt. Sie repräsentierten Fruchtbarkeit, Weisheit und Tod. Menschenopfer waren als Bitte zur Erhaltung der Wiedergeburts-Zyklen üblich und erscheinen nur aus heutiger, das Individuum so hochschätzender Sicht grausam.

Die neuen patriarchalen Götter und Göttinnen zeichneten sich dagegen als sehr individuelle Persönlichkeiten voller Licht- und Schattenseiten aus. Ein Held wurde wie die Götter als einzigartig geschätzt, man glaubte er lebe im Jenseits gradlinig bis in alle Ewigkeit fort. Die Nicht-Helden und Frauen - Ausnahmen bestätigen die Regel - verbrachten die Ewigkeit dagegen im Hades oder im Schattenreich der Hel. Dieser Prozess der Individualisierung setzt sich im indogermanischem/westlichem Kulturraum bis heute fort. Verstärkend wirkte dabei der Einfluß des Neuen Testamentes, in dem postuliert wird, dass vor Gott alle Menschenseelen gleichwertigkeit seien. - Die Sklaverei wurde abgeschafft, und Frauen sind zumindest rechtlich gleichberechtigt. Heute kann jeder seinen Glauben, sein Modell der Wirklichkeit frei bestimmen und seit Sigmund Freud wird das seelische Wohl des Einzelnen in der Regel wichtiger genommen als gesellschaftliche Erwartungen.

Dieses sich langsam neu entwickelnde individualisierende Denken übertrugen die Menschen auch auf ihre Pferde. Kein Tier wurde so sehr als eigene Persönlichkeit geschätzt wie das Pferd. Die Rosse der Götter und Helden haben alle einen Eigennamen. Sie werden als seelische Individualitäten geliebt und beschrieben. Die Helden und Krieger reden mit ihren Pferden, sie wissen von ihrer Freude und Trauer, ihrem Mut, Stolz und ihrer Klugheit zu erzählen. Das Ross ist seines Reiters Vertrauter und Freund. Es ist nahezu magisch mit ihm verbunden. Eine Strophe aus einem altnordischen Gedicht zeigt dies sehr schön: "ich trat zu Grani, Tränen vergießend, und schaute ihm forschend ins feuchte Auge: Da senkte Grani ins Gras sein Haupt, der Hengst wußte wohl, daß sein Herr gefallen."


Götter des Windes

Pferde jagen schnell wie der Wind über die Steppen. In der Frühzeit glaubten die Menschen, die Stuten würden vom Wind befruchtet, und die Hornstellen an den Pferdebeinen seien die Spuren, an denen diese in alten Zeiten ihre Flügel hatten. Pegasus ist das bekannteste geflügelte Ross. Er war ein Freund der Menschen und der Musen. Die Walküren und Truden der germanischen Mythologie flogen auf geflügelten Pferden über die Schlachtfelder. In späteren, christlichen Zeiten wurden aus ihnen Hexen gemacht. Die Bezeichnung "trudeln" für unkontrolliertes Fliegen hat hier seinen Ursprung.

Im ganzen Altertum war es üblich, den Wind durch Rösser darzustellen. Sie wurden zum Inbegriff des Sturmes, des Geistes und der Seele. Pferde- und Menschenopfer an die Pferde- und Sturmdämonen, später an Odin und Wodan, wurden oft in Bäumen aufgehängt, damit der Wind ihre Seelen mit sich forttragen konnte. Das Essen von Pferdefleisch, meist das der Opfertiere, war üblich. Pferdefleisch zu verspeisen wurde von der christlichen Kirche noch im 13.Jahrhundert als Sünde verboten, denn es galt als ein Verharren im Heidentum. Der Pferdeschädel eines Opfertieres konnte nach altem Volksglauben weissagen. Die Slawen und Germanen hielten in ihren Tempeln weissagende Rosse. Ihr Wiehern und ihr Scharren wurde von den Priestern als Orakel interpretiert. Ein in einen Baum gehängter oder auf eine Stange gesteckter Pferdeschädel eines Opfertieres sollte Unheil abwehren. Schamanen und Druiden ritten auf einem Stecken-Pferd, das war ein Pferdeschädel, der auf einem Stecken festgebunden war, in die transzendente Wirklichkeit, um dort Heilung und Rat zu holen.

Der Name des germanischen Gottes Wodan/Wode bedeutet schnelle, stürmische Bewegung. Das aus dem gleichen Wortstamm gebildete Wort Wut meint entsprechend eine heftige, stürmische Gemütsbewegung. Wodan ist eine antropomorphe Interpretation des wilden Sturmdämons, des Windrosses. Er wird im Norden Odin genannt, sein Ross ist der achtbeinige Schimmel Sleipnir, auf dem er das wilde Heer, die wilde Sturmjagd anführt. Der Name Odin bedeutet Odem, Atem. Im Hinduismus heißt die Manifestation Brahmans (der letzten Wirklichkeit) im Menschen Atman (atmen). In Ägypten wurde die Urschöpfungskraft Atum genannt, und in der Bibel haucht Gott Adam (Atman), die Seele ein. Diese Namen lassen alle an die Ursilbe OM denken, den Urklang der Welt, den Atem der Schöpfung, aus dem heraus sie sich nach altindischen Weisheitsüberlieferungen bildete. Die Windpferde singen und heulen, Töne werden ausgehaucht und durch die Luft weitergetragen. Nada Brahma - die Welt ist Klang.

In Alteuropa symbolisierten das Wasser und die Wassertiere die Welt der Seelen. Die Betonung lag auf den Gefühlen, der Intuition und der Fruchtbarkeit als "natürlicher Kreativität". Diese mehr weiblichen Qualitäten beherrschten das Lebensgefühl. Im heidnischen, klassischen Europa dann wurde die Luft, der Wind symbolprägend für die Eigenschaften der Psyche. Denken, Logos und Wissenschaft als "kulturelle Kreativität" rückten als mehr männlich erlebte Qualitäten ins Zentrum des Bewußtseins. Als Tiere des Windes und der Luft wurden Pferd und Adler zu den wichtigsten Symbolgestalten.


Der Tod

Das Ross ist auch ein Totenführer. In Alteuropa galten Wölfe und Raben, die ja auch Aasfresser sind, als leichenfressende Tierdämonen. Sie verschlangen die Toten und führten sie so zu Erde und Wiedergeburt zurück. Im heidnischen Europa der Asen tritt das Ross an ihre Stelle. Die Toten werden nicht mehr verschlungen, sondern vom Wind, vom Rossdämon in ewige Weiten entführt. Wodans wildes Heer ist ein Heer der Toten. Die Toten wurden als wesensgleich mit dem Todesbringer gesehen, als Rossgestaltige Dämonen. Die Sage erzählt, daß die Toten im Hörselberg (Thüringen) Pferde seien. Papst Benedikt soll der Legende nach von einem schwarzen Teufelsross in die Hölle geholt wurden sein. Es gab die Sitte, Tote - wie den Frankenkönig Childerich - mit ihrem Ross als Führer ins Jenseits zu begraben. Man stellte sich den Tod auf einem mageren Schimmel reitend vor. Im Brauchtum zog er als "Schimmelreiter" an Festtagen wie Pfingsten, Weihnachten oder auch Fastnacht durch das Land. Die Sitte, zum Tode Verurteilte von einem Pferd zu Tode schleifen zu lassen, dürfte hier ihre Wurzeln haben.

Als Todestier konnte das Ross auch den Tod voraussehen. Die Rosse des Achill kündeten ihm seinen Tod an. Auch die apokalyptischen Reiter der Geheimen Offenbarung des Johannes sind Botschafter des Todes.

Die Kölner Sage von Frau Richmodis erinnert noch sehr deutlich an den Zusammenhang zwischen Ross und Tod: Im Jahre 1357 wütete in Köln die Pest. Frau Richmodis und Ritter Mengis von Adocht wohnten am Neumarkt in einem prächtigen Hause. Sie gehörten zu den Edelsten der Stadt und lebten schon zehn Jahre in Liebe, Eintracht und Reichtum zusammen. Da kam das Unglück in ihr Haus, Frau Richmodis wurde von der Seuche hingerafft. Im Sarg wurde sie in der Apostelkirche aufgebahrt. Da kamen des Nachts Grabräuber, um sich ihres wertvollen Trauringes zu bemächtigen. Sie öffneten den Sargdeckel und zogen am Finger, um den Ring abzuziehen. Frau Richmodis erwachte aus ihrem Todesschlaf und fuhr empor. Die Grabräuber flohen vor Entsetzen. Frau Richmodis erkannte, welchem Schicksal sie entkommen war und lief zitternd in ihrem Totenkleid nach Hause. Auf ihr Klopfen wollte niemand ihr öffnen, da man ihr nicht glaubte, sie zu sein. Schließlich rief ihr Gemahl Mengis aus: "Es ist so wahr, daß du mein ehelich Weib bist, als auch meine Rosse aus dem Stall hinauf auf den Söller rennen." Kaum hatte er dies gesagt, als die beiden Rosse mit Gestampf auf den Söller stürmten. Sein Zweifelmut kam nun zu der Überzeugung, daß vor Gott kein Ding unmöglich ist. Er umarmte seine Frau dankbar. Frau Richmodis lebte noch sieben Jahre, aber sie soll nie mehr gelacht haben. - Noch heute sieht man zur Erinnerung an diese Begebenheit zwei Pferdeköpfe hoch oben am Haus.


Das Pferd als "Alter Weiser"

Der sprechende Pferdeschädel als Symbol des männlichen Geistes ist in einem Märchen der Gebr. Grimm in seinem tiefenpsychologischen Aspekt wirksam:

Es lebte einmal eine alte Königin, deren Gemahl schon lange gestorben war. Sie hatte eine schöne Tochter. Als diese erwachsen war, schickte sie sie mit köstlichem Gerät und Geschmeide zu ihrem künftigen Gemahl in ein fremdes Reich. Eine Magd begleitete sie. Die Königin gab beiden ein Ross für die Reise mit. Das Ross der Königstochter hieß Falada, und es konnte sprechen. Zum Abschied gab die Königin ihrer Tochter noch ein Läppchen mit drei Tropfen von ihrem Blut. Das würde ihr helfen.

Gleich zu Beginn der Reise wurde die Königstochter durstig, sie bat die Magd ihr Wasser zu schöpfen. Diese war aber hochmütig und wollte nicht länger dienen. So schöpfte die Königstochter selbst das Wasser. Da sprachen die Blutstropfen: "Wenn das deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen." Als die Königstochter wieder Wasser trinken wollte, verlor sie das Tüchlein mit den Blutstropfen im Bach. Das bemerkte die Magd. Sie wußte, daß sie nun Macht über die Königstochter hatte und verlangte Falada zu reiten und ihre Kleider zu tragen. Dann ließ sie diese unter freiem Himmel schwören, niemandem ein Wort darüber zu sagen, sonst würde sie sterben. Falada sah alles und nahm´s in Acht. Als sie am Hofe ankamen, fragte der alte König die falsche Braut, wer das Mädchen bei ihr sei. Sie sei eine Magd, er möge ihr Arbeit geben. So lies er sie, gemeinsam mit dem Jungen Kürtchen, Gänse hüten. Die falsche Braut verlangte vom jungen König Falada töten zu lassen, denn sie hatte Angst, er könne offenbaren, was geschehen war. Als die wahre Braut dies hörte, gab sie dem Schinder ein Goldstück, damit er ihr Faladas abgeschlagenes Haupt an das finstere Tor nagele, durch das sie jeden Tag mit Kürdchen und den Gänsen hindurch zöge. Jeden Morgen sprach sie nun zu Falada: "Oh Falada, der du hangest", und der Kopf antwortete: "O du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüßte, ihr Herz tät ihr zerspringen." Dann kämmte sie auf der Wiese ihr langes silbernes Haar. Kürtchen wollte ihr immer welches ausreißen. Aber sie rief: "Weh´, weh´ Windchen, nimm Kürtchen sein Hütchen, und laß´n sich mit jagen, bis ich mich geflochten und geschnatzt und wieder aufgesatzt." Sofort wehte der Wind und Kürtchen mußte sein Hütchen jagen. Dies ärgerte ihn und er ging zum alten König und erzählte ihm alles.

Am nächsten Morgen versteckte sich dieser hinter dem Tor und hörte, was Falada sagte. Am Abend fragte er die Gänsemagd, was das alles auf sich habe. Sie antwortete ihm, das dürfe sie niemandem erzählen, weil sie so unter freiem Himmel geschworen habe. Er dachte nach und sagte dann, dem Ofen dürfe sie es aber erzählen. So kroch die wahre Braut in den Kachelofen und schüttete ihr ganzes Herz aus. Der Ofen hatte oben ein Loch, durch dieses hörte der alte König jedes Wort. Er ließ sie ihre Königskleider wieder anziehen und sie strahlte in Freude. Der alte König offenbarte dem jungen König, daß er die falsche Braut hatte. Der freute sich jetzt von Herzen an der Schönheit und Tugend der wahren Braut. Ein Festmahl wurde gehalten. Die falsche und die wahre Braut saßen je an einer Seite des jungen Königs. Der falschen Braut wurde dabei die Frage gestellt, wie sie einen solchen Betrug, den die wahre Braut erlitten hatte, bestrafen würde. Sie war verblendet und erkannte die Königstocher nicht. Ihre Antwort war, die Betrügerin müsse nackt in einem Faß voll spitzer Nägel von zwei weißen Rossen zu Tode geschleift werden. Und so geschah ihr. (Und wenn sie nicht gestorben sind,...)

Auffallend in diesem Märchen ist, daß nur der Hengst Falada und der Gänsehirt Kürtchen einen Namen haben. Sie sind demnach die Hauptfiguren, die Hauptaspekte des Märchens. Am Anfang wird ausdrücklich erwähnt, daß der Vater-König gestorben sei. Dies ist ein Hinweis darauf, daß Falada den toten Vater verkörpert. Falada ist aber noch mehr, er ist Wodan, der unsterbliche Geist an sich. Sogar als Totenschädel spricht er noch und verrät die Wahrheit (die Gänsemagd nennt er Jungfer Königin). In der Sprache der Jung´schen Psychologie kann man sagen, Falada versinnbildlicht den Archetyp des "Alten Weisen".

Die Königstochter, um deren Entwicklung zur reifen und selbstbewußten Frau es hier geht, hat den Zugang zu den tiefen, geistigen Bereichen in sich selbst nie verloren (Falada spricht noch als Totenschädel mit ihr). Aber sie ist dabei ihr Vertrauen zu verlieren, selbstbewußte und mütterlicher Weiblichkeit in sich selbst entfalten zu können (läßt sich von der Magd befehlen, anstatt umgekehrt). Ihre weiblichen Aspekte warnen sie vor dieser Entwicklung (die Blutstropfen sagen, "wenn das Deine Mutter wüßte, ihr würde das Herz im Leibe zerspringen"). Sie will gleich zu Beginn ihrer Reise ins Erwachsenwerden schon Wasser trinken. Das bedeutet im Märchen Sehnsucht nach den Quellen des Daseins, nach Geborgenheitsgefühlen und Bedürfnissicherung. Sie verliert beim Trinken die Blutstropfen, die Essenz der Mütterlichkeit im Wasser (verliert das Läppchen mit den drei Blutstopfen ihrer Mutter). Das heißt, sie verliert diesen ihren Persönlichkeitsbereich durch zu gRosse Demut, Bravheit und kindliche Lebensangst (hat Angst die Magd in ihre Schranken zu weisen) im gRossen Meer des Unbewußten. Ihr "alter Ego", ihre Schatten-Persönlichkeit (Magd) übernimmt das Kommando. Diese Seiten in ihr sind bestimmt durch Hochmut und Unwahrhaftigkeit sich selbst gegenüber. Ihre wahren Gefühle verdrängt sie (schwört, darüber mit niemandem zu sprechen). Falada wird als "Guter Geist" nun nicht mehr geliebt, sondern gefürchtet und getötet, da er die innere Wahrheit kennt. Sie tut nur so (falsche Braut), als wäre sie bereit für die Liebe.

Ihre Weiblichkeit (Gänse) sowie ihre Männlichkeit (Kürdchen) ist noch sehr kindlich. Sie spielt mit dem Wind, sie spielt mit Gedanken (Kürtchens muß seinen Hut fangen). Erotik liegt ihr noch fern. (Kürtchen darf nicht an ihr silbernes (Mond-Haar). Ihr Zugang zum "Alten Weisen" (Falada) in ihrer Psyche, zu Verstand und Wissen gemahnt sie aber immer wieder daran, irgendwann eine starke und erwachsene Frau werden zu müssen. ("wenn das deine Mutter wüßte, ihr Herz tät ihr zerspringen")

Kürtchen, der junge König, Falada und der alte König bilden eine Einheit. Sie symbolisieren die drei Aspekte des Männlichen, oder mit C.G.Jung gesagt, des Animus: der Knabe, der erwachsene Mann und Liebhaber, der Alte Weise. Die Königstochter hat problemfreien Zugang zum Knaben und zum alten Weisen in sich selbst. So ist es natürlich, daß diese Aspekte auch untereinander korrespondieren (Kürtchen erzählt dem alten König alles). Der Alte Weise in ihr wird jetzt sehr kreativ: Ihr Verstand, ihr geistiges Format schicken die Königstochter in die Konfrontation mit sich selbst. (Er veranlaßt, daß die Königstochter in einen Ofen steigt.) Hier, in der Enge des Feuerlochs, der kleinen Sonne könnte man sagen, wird sie durch ihren Schmerz und durch die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst (sie erzählt dem Ofen alles) zu einer erwachsenen und selbstbewußten Frau. Sie wird zu ihrem "Selbst" umgeschmolzen, geläutert. (Sie erstrahlt in neuen Königskleidern in Schönheit und Tugend). Sie kann lieben und geliebt werden (Der junge König erkennt sie als wahre Braut). (Und wenn sie nicht gestorben sind, ...)

Die Magd (falsche Braut) nennt ihr eigenes Todesurteil. Zwei weiße Pferde, Sinnbild der Sonne, des Geistes und des Selbst, erledigen sie. Ihr Dasein hat sich pychologisch betrachtet tatsächlich erledigt, als Persönlichkeitskrücke wird sie nicht mehr gebraucht. Kürtchen und Falada, der Knabe und der Alte Weise, zeigen ihre Schöpfungs- und Heilkraft, eine Seele zu ihrer Ganzheit zu führen.


Götter des Wassers

Im Märchen oben zeigt Falada Weisheit und Mitgefühl. Das ist die weiche Seite, die jede reife Männlichkeit zeigen kann. Sie ist dem Element Wasser verbunden und zeigt sich entsprechend in Sagen und Legenden als wasserbeherrschender Pferdegeist.

Der Meeresgottes Poseidon herrschte nach Plato schon in Atlantis. Sein friesischer Name Forsites ist eine phonetische Abwandlung. Helgoland, "Heilges Land", war einer seiner Kultplätze. Ursprünglich war Poseidon/Forsites selbst ein Ross, später reitet er auf einem Pferd über die Wellen, ja, er erzeugt diese sogar durch seinen wilden Ritt. Hier haben vermutlich die Märchen über den Wassermann, der ein Pferdedämon ist, ihren Ursprung. Forsites dürfte auch den Kern einer norddeutschen Sage bilden, nach der ein dem Meer entstiegenes Pferd die Menschen den Acker zu pflügen lehrte.

Als Arbeitstier war das Pferd von gRossem Wert und genoß alle Pflege und Fürsorge. Es pfügte den Boden, machte ihn bereit für die Saat. Nach seinem Vorbild erklärten die damaligen Menschen sich wasserspendende Wettererscheinungen als die Hilfe magischer Pferde. Wolken wurden als himmlische Pferde verehrt, deren Schweiß als Tau oder Hagel die Erde erfrischte und befruchtete. Ihr Hufschlag erzeugte den Blitz inmitten der Wolken und ließ sie regnen.

In vielen Mythen schlagen Pferde mit ihren Hufen Quellen aus der Erde. Pegasus, das berühmte geflügelten Ross der Griechen und Freund der Musen, schlug ihnen an zweien ihrer Versammlungsplätze Quellen durch seinen Hufschlag auf. Sagen erzählen, der Hengst des Sachsenfürsten Wittekind scharrte bei Bergkirchen Wasser aus der Erde und das Ross Karls des GRossen stampfte die Heilquellen in Aachen hervor. Sehr viele Quell- Bach- und Ortsnamen zeigen die Verbindung zu Wasser hervorscharrenden Pferden. Nur einige wenige Beispiele: Rossach, Horschbach, Hengistbach und Perdenbach. Das Wasser, das sich in "Rosstrappen", in Abdrücken von Pferdehufen sammelt, galt als heilig und heilend. Die bekannteste Rosstrappe ist auf einem hohen Felsgrat über dem Bodetal im Harz. Sie ist ein schon in der Steinzeit angelegter Kultplatz, der dann in der Bronzezeit im Sinne des Pferdekultes umgedeutet wurde.

Das Wasser wird wie die Erde als weibliches Element verstanden, es hat aber auch männliche Aspekte - wie den des Herzkönigs der Kartenspiele. Liebe, Intuition und Kreativität ist das Reich der Wasserpferde, ihrer Energie. Über das Wasser bringen diese Pferdedämonen aber auch der Erde Ihre Fruchtbarkeit. Pferde wurden sehr oft als Opfer an die Götter in Seen und Fluten ertränkt. Sie sollten so Fruchtbarkeit bringen.

Im Mittelalter wurde der Schimmel dem Element Wasser und der Rappe der schwarzen Erde sowie der Hölle zugeordnet. Das Pferd symbolisiert immer Bewegung, Aktivität. Das einzige Element, das wirklich zu ruhen scheint, ist die Erde. So konnte es zu deren Sinnbild tatsächlich nicht werden - oder nur als Negativprojektion: die Erde blieb dem Dunklen, Unbegreiflichen und Numinosen, sie blieb den Frauen vorbehalten.


Pferdefuß und Hufeisen
Ein alter Mann lacht:

Euch wird erzählt, ein Pferdefuß zeige den Teufel. Aber lacht und denkt an das Hufeisen daran! Euch wird geraten, das Hufeisen mit der Öffnung nach oben aufzuhängen, sonst würde es sein Glück verlieren. Aber lacht und denkt, wenn es das Glück nicht über eurem Kopf verliert, dann habt ihr nichts davon!


Bild: "Die Kraft sicherer Bewegung" von Maggie M. Roe

Die Pferde laufen, sie laufen wie im Traum, sie laufen wie durch blauen Äther im schwarzen All. Sie scheinen die Bewegung der Erde selbst zu sein. Ihr Lauf will diese drehen und drehen, so wie den Kreis unter ihren Hufen. Ihr Lauf ist kraftvoll, stetig und selbstbestimmt. Er bringt den Morgen, den Mittag und den Abend.

Unter ihren Hufen sind Geheimnisse der Erde und Muster des Daseins codiert: Auf und ab, Schwarz und Weiß sind miteinander verwebt - Augen, Wind, Haare, Federn, Kristalle, Gebete. Ihr Lauf ist Freiheit und Sicherheit, Kraft und Willen, Rausch und Schönheit.


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Cornelia Savory-Deermann Cornelia Savory-Deermann

Cornelia
Savory-Deermann
, geboren 1945 in Wuppertal, hat seit 1971 Englische Bulldoggen. Seit Mai 2005 haben die Bulldogs hier ihr eigenes deutsches Weblog bekommen:

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Die Buchkapitel:

Inhalt

Einleitung

Tiere als Spiegel der Seele

Tiere als Sinnbild der Kultur

Bilder von Maggie M. Roe

1. Adler
2. Bär, Bärin
3. Biber
4. Biene
5. Delphin
6. Esel
7. Eule
8. Falke
9. Fisch
10. Fledermaus
11. Frosch, Kröte
12. Fuchs
13. Gans
14. Hase
15. Hirsch
16. Huhn, Hahn
17. Hund
18. Katze, Kater
19. Krebs
20. Kuh, Stier
21. Maus
22. Möwe
23. Mücke
24. Muschel
25. Otter
26. Pferd
27. Rabe
28. Ratte
29. Reh
30. Schaf, Widder
31. Schildkröte
32. Schlange
33. Schmetterling
34. Schwan
35. Schwein, Eber
36. Seehund
37. Spinne
38. Storch
39. Taube
40. Wal
41. Wolf
42. Ziege, Z-Bock

Literatur-Verzeichnis




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