Tiere als Spiegel der Seele und Sinnbild der Kultur
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Schlange


Zum Symbol, zum Sinnbild gewordene Eigenschaften

  • Die auffallendste Eigenart der Schlange ist ihr gliederloser, langer, sich windender und immer wieder häutender Leib. Sie kann sich zu einen Kreis zusammenrollen und symbolisiert so den Kreis als Schöpfungseinheit von Allem.
  • Zusammengerollt symbolisiert sie weibliche Energie, aufgerichtet männliche. So wurde sie wechselweise vergöttlicht und verteufelt. Auch ihre gespaltene Zunge als Verlängerung ihres stromlinienförmigen Körpers machte sie zum Symbol des Zweifachen und des Zwiespältigen, des Polarisierten und des Paradoxen - sowie deren mystischer Einheit.
  • In der Öffnung ihrer Kreisform ent-wickelt sie sich zur Spirale, dem Symbol für Wandel nach innen wie nach außen. In Bewegung erscheint sie Sinnbild reiner Wellenenergie, nicht fassbar wie Wasserwellen und wie Blitze. Ihr Gift kann töten oder heilen, viele haben Angst vor ihr.


Schöpfungsenergie und die Zahl "pi"

Zusammengerollt bildet der Körper der Schlange einen Kreis, der durch keine Gliederung, keine Glieder unterbrochen wird. Der Kreis ist eine Linie ohne Anfang und ohne Ende, und dadurch wurde er zum Symbol der Unendlichkeit, zum Sinnbild zeitlicher wie räumlicher ewiger Kreisläufe. Und kein Lebewesen konnte sich dieser Ideallinie des Kreises so vollkommen anpassen wie die Schlange. Dies ließ sie zum kosmischen Schöpfergeist werden, der die Welt in ewig ineinander übergehenden Zyklen erschuf und erschafft. Sie war den Menschen Ausdruck purer Energie, nicht männlich und nicht weiblich - oder man könnte genauso gut sagen, sie erschien, je nach Betrachtungsweise, männlich und/oder weiblich.

Die Schlange wurde als Sinnbild der Schöpfungsenergie in erster Linie als Wasserwesen erlebt. Darüber hinaus wurde alles sich wirbelnde, spiralige und sich einrollende als ihr zugehörig verstanden. Im eurasischen Kulturraum umfaßt sie die Meere und das Erdenrund, und bei den Indianern Mittel- und Südamerikas wird sie als Regenbringer, als die göttliche, gefiederte Schlange Quetzalcoatl angebetet, der sich in der regenschaffenden Kraft des Blitzes und auch im Regenbogen offenbart.

Noch einige Beispiele: Die Germanen fürchteten und verehrten die Midgardschlange, die die ganze Erde umspannte, indem sie sich selbst in den Schwanz biß. --- In Rußland wurde sie Koschchei (Todlos) und in Japan Koshi genannt, da sie das Totenreich umschloß und die Meeresgezeiten beherrschte. --- In Indien erzählt die Mythologie von der endlosen Schlange Ananta, auf der Vishnu und seine Gattin Lakshmi reiten. Ananta umringt die Urwasser, und nach jedem Untergang eines Zeitalters schläft Vishnu auf ihren Wellen. Sie wird oft mit sieben Köpfen dargestellt, die die Grundkräfte des Kosmos symbolisieren. --- In Ägypten hieß diese Urschlange Sata, auf deren Rücken der Sonnengott jede Nacht durch die Unterwelt ritt.

In Griechenland wurde sie Okeanos genannt, da sie als die äußersten Meere umfangend gedacht wurde. Sie hieß dort auch Ouroborus und als Unterweltgeschöpf, das das Orakel von Delphi hütete, war ihr Name Python. Pi wurde die sich in den Schwanz beißende Schlange in China genannt. Zwischen "Pi" und den Mythen um die "Python" kann ein Zusammenhang vermutet werden. Möglicherweise läßt sich aus diesem Zusammenhang ableiten, warum die Pythagoräer die Zahl "pi", als numerisches Geheimnis des Kreises eben "pi" nannten und so sehr verehrten.


Hermes und die Doppelgeschlechtlichkeit

Die Gnostiker und mittelalterlichen Hermetiker betrachteten den Ouroborus, die sich in den Schwanz beißende Schlange, als das stärkste Machtzeichen der Magie. Sie verstanden den vorindoeuropäischen Gott Hermes, der nach ihren Quellen und ihrem Verständnis androgyn war, als eine Verkörperung dieser Weltenschlange, die sich um das Weltei schlingt.

Bei den Germanen wurde Hermes verehrt in der als männlich verstandenen Irminsul (Bedeutung: große, prächtige Himmelssäule) auf dem weiblich gedachten Heresberg (Heras Berg = Mutterberg). Der doppelgeschlechtliche Aspekt wird also auch hier deutlich. Die Worte "Hermes", "Irmin", "Heres" "HerrIn" und "herrschen" leiten sich alle von der gleichen Wortwurzel ab. Die Herrschaft des Hermes lag nach dem Verständnis der Gnostiker darin, daß in ihm Männlichkeit und Weiblichkeit noch ungetrennt waren, und er deshalb das Geheimnis des lebendigen, ewigen und allumfassenden Schöpfungskreises wußte und lehren konnte. Hermes gilt als Begründer der Magie, Alchemie, Astrologie und aller anderen geheimen Lehren. Sein Stab, man könnte ihn den ersten Zauberstab der Welt nennen, wird von zwei Schlangen umringelt. Die Gnostiker verstanden diese beiden Schlangen nicht einfach als Ausdruck von Sexualmagie, sondern als Symbol der Doppelgeschlechtlichkeit des Hermes, seiner Ungeteiltheit in Polaritäten.

Schamanen und Mystiker bestätigen, daß Magie und Erleuchtung nur aus einer Perspektive - oder auch Position - jenseits von Polaritäten geschehen kann: real und irreal, Natur und Vision, Leben und Tod sind für sie nur scheinbar getrennte Welten.


Kundalini, Heilkunst und die DNS

Die zum Kreis zusammengerollte Schlange hatte in Indien nicht nur eine allgemeine Bedeutung als Symbol ewiger kosmischer Energie, sondern sie galt und gilt auch als Sinnbild der Lebensenergie, die in jedem einzelnen Menschen schlummert: Kundalini wird diese im Becken des Menschen zusammengerollte und schlafende Schlange genannt. Sie kann den tantrischen Lehren nach durch Yoga-Übungen erweckt werden. Dann rollt sie sich auf und durchdringt die sieben Chakren des Menschen entlang der Wirbelsäule bis hoch zum Scheitel mit ihrer Energie. Sie bringt ihm spirituelle Erleuchtung und das Bewußtsein von Einheit mit der unendlichen Schöpfung.

Auch im europäischem Aberglauben gilt die Schlange vielerorts als tierische Verkörperung der Lebenskraft eines Menschen und seiner Seele. Es heißt in Schlangengestalt könne sie den Menschen zu Lebzeiten vorübergehend verlassen und bei seinem Tod dann endgültig. In West- und Nordosteuropa wurden Schlangen bis in die Neuzeit hinein als "Hausschlangen" verehrt, geschützt und sogar mit Milch und Eiern gefüttert. Sie galten als glücksbringend. Mancherorts wurden sie so als die Seelen verstorbener Ahnen oder als "Familiengeist" geehrt. Andernorts galten sie dagegen als die Verkörperung des "Genius Loci", der inneren Energie des Stückchens Erde, auf der das Haus stand.

Die Schlange ist seit grauer Vorzeiten Sinnbild der Heilkunst. Der Stab des Äskulap, heute noch Kennzeichen für Medizin und Heilmittel, wird von einer Schlange siebenfach umringelt. In diesem Zusammenhang bedeutet die Schlange die Paradoxie, daß Medizin und Gift das Gleiche sind - es kommt nur auf den Zusammenhang und die Dosis an, ob Gesundheit oder Tod gebracht wird. Die Zahl sieben bringt zum Ausdruck, wie vollständig, wie potent gerade die Schlange, besonders als Giftschlange, dieses Prinzip symbolisiert.

Heute wissen wir, daß die gesamte, biologische Lebensinformation eines jeden Lebewesens in seiner DNS verschlüsselt ist. Statt modern von "Information" könnte man auch archaisch von "Magie der Lebenskraft" sprechen. Die DNS ist eine molekulare Doppelspirale, eine "Doppelschlange" im Zellkern. Die Spirale wird damit auch durch die heutige Wissenschaft als eine der Schöpfungsformen bestätigt.


Lebenserneuerungen

Nicht nur für die Schöpfungskraft galt die Schlange als Sinnbild, sondern auch für die zyklische Lebenserneuerung.

Die Schlangen in Nordwesteuropa verlassen Anfang Februar ihre Winterhöhlen. Ihr Wiedererscheinen aus den dunklen Tiefen der Erde bedeutete den Menschen die Wiederkehr der Vegetation und des Glücks. In den keltischen Ländern wurde der 1. Februar, das Imbolc-Fest, auch als Schlangentag gefeiert. In einem alten Liedtext heißt es: "Die Königin wird vom Hügel herabkommen, ich werde der Königin nichts tun, und die Königin wird mir nichts tun." Die Königin ist die Schlange.

Im Baltikum wird ein entsprechendes Fest gefeiert. Mit Stöcken wurde in alten Zeiten dann an Bäume und Steine geklopft, um die Schlangen aus ihrem Winterschlaf zu wecken. In einem Text aus dem 16. Jahrhundert (Maletius) heißt es über dieses, das neue Jahr begrüßende Fest: "Sie verehren sie als Gottheiten... und laden sie mit Bittgebeten zu Tisch.... Sobald die Schlangen sich zurückgezogen haben, essen die Menschen vergnügt von den Speisen, von denen die Schlangen genommen haben und glauben zuversichtlich, daß im kommenden Jahr für sie alles nach Wunsch gehen wird... Und wenn die Schlangen nicht.. von den vorgesetzten Speisen kosten, dann glauben sie, daß sie in einem solchen Jahr von großem Unglück heimgesucht werden."

Ein weiteres Sinnbild der Lebenserneuerungskraft der Schlange ist, daß sie sich im Laufe ihres Wachstums immer wieder ihre alte, verbrauchte Haut abstreift und eine neue, junge und glattglänzende Haut bildet. Diese Fähigkeit machte sie zum Sinnbild der Unsterblichkeit durch ewige Wandlung, da sie sich immer wieder in "neuer Haut" zeigt, und so nie vergeht. In der italienischen Redewendung "aver piu anni d´un serpente" (älter sein als eine Schlange) wird die uralte Verbindung von ewigem Leben mit dem Schlangenleben noch heute sichtbar.


Schwarz-Weiß und der "Rote Faden"

Die Schlange wurde in der Frühzeit der Menschheit mit der Großen Göttin gleichgesetzt. Ein männliches Schlangenidol ist unter den prähistorischen Figürchen nicht gefunden worden. In den Mythen wird die Schlangengöttin oft als sich selbst polarisierende Einheit beschrieben: In Ägypten hieß sie als Geburtsgöttin Isis und als Todesgöttin Nephthys. Sie war so die zweifache Schlangenmutter des diesseitigen und des jenseitigen Lebens. Kleopatras Titel war "Schlange vom Nil". In diesem Verständnisrahmen gab es für sie keine andere Möglichkeit, als ihre Selbsttötung durch den Biß einer Schlange zu vollziehen.

Das chinesische Mandala "Yin-Yang" besteht aus einer weißen und einer schwarzen Hälfte, die durch eine S-Kurve getrennt sind. In jeder Hälfte befindet sich ein Punkt der jeweils anderen Farbe. Diese Punkte symbolisieren die Weisheit, daß alles auch den Kern seines Gegenteils in sich birgt. Dies Mandala steht heute für weiblich und männlich, für dunkel und hell, für kalt und warm, für Tod und Leben. Wie J. Campbell feststellte, stand es ursprünglich für die ausschließlich weiblich empfundenen, zyklischen Mondphasen. Die weiße Hälfte war der Kopf einer weißen Schlange mit schwarzem Auge, und die schwarze Hälfte der Kopf einer schwarzen Schlange mit weißem Auge. Ähnlich dem "Yin-Yang" der zwei Schlangen vermuten einige Forscher für den eurasichen Kulturraum, daß die zwei Pferdeköpfe, die bis heute die Giebel vieler Gehöfte schmücken, zu vorindogermanischen Zeiten zwei Schlangenköpfe gewesen seien, mit denen der Schutz der Mondgöttin angerufen wurde.

Im indischen Nationalepos Mahabharata wird diese Zwei-Farben-Symbolik um ein drittes Element erweitert. Der Held steigt in die Unterwelt, in die "Stadt der Schlangen", wo die zweifache Mutter des Lebens den roten Faden in den schwarz-weißen Teppich der Tage und Nächte eines Jeden einwebt. Hier hat der Begriff des "Roten Fadens" vermutlich seinen Ursprung. Zu der ürsprünglichen Symbolik der Schlange als Polatität von Geburt und Tod kommt als das "Erlösende Dritte" der Aspekt der irdischen Lebensphase hinzu.


Die gütige Schlangenkönigin

Ein Märchen aus 1001 Nacht erzählt von der Königin der Schlangen, der Inhalt: Ein Mann, Hasib, sucht vor einem Unwetter Schutz in einer unterirdischen Höhle. Er stößt auf eine Türe, hinter der eine mit Honig gefüllte Zisterne liegt, die ihm zum Gefängnis wird. Ein Skorpion macht ihn auf einen Lichtspalt aufmerksam, durch den er hindurch kriecht. Er erblickt einen See mit einer Insel, auf der ein Thron steht mit zwölftausend Stühlen darum. Auf jedem der Stühle ruht eine riesengroße Schlange. Da kommt eine eselsgroße Schlange auf ihn zu, die auf ihrem Rücken ein goldenes Tablett trägt, auf dem Jamlicka, die Schlangenkönigin liegt. Sie leuchtet wie Kristall und ihr Antlitz ist das einer wunderschönen Frau. Jamlicka verspricht Hasib, daß ihm bei ihr nur Gutes widerfahren solle. Sie läßt ihn mit Früchten verwöhnen und erzählt ihm viel von Wundern, vom Erzengel Gabriel, von Mohammed und anderem. Aber Hasib bittet sie, ihn wieder auf die Erde zu den Seinen zu lassen. Jamlicka erklärt ihm, das würde ihren Tod bedeuten, denn er würde ein Badehaus betreten, und damit ihren Untergang einleiten. Hasib bittet so lange, bis sie ihn gehen läßt. Zuvor aber muß er schwören, nie ein Badehaus zu betreten.

Auf der Erde zurück ergibt sich aber bald eine Situation, in der er doch ein Badehaus betritt. In dem Moment wird er von Männern des Perserkönigs gefangen, denn durch eine Weissagung war bekannt geworden, daß nur er den Weg zur Schlangenkönigin wisse, welche der Perserkönig zu seiner Heilung verspeisen müsse. Erst als der Großwesir verspricht, Jamlicka kein Leid zu tun, verrät er den Weg zur Zisterne voller Honig. Durch eine Beschwörung wird Jamlicka nach oben gelockt. Auf ihrem goldenen Tablett liegend spricht sie zu Hasib: " Allah hat es so gefügt, daß ich durch deine Hand mein Ende finde soll und des Königs Krankheit geheilt wird.... Aber sieh zu, daß nicht du mich schlachtest, sondern der Großwesir. Und wenn der sagen wird, daß du von meinem Fleisch die erste Schäumung in eine Phiole tun sollst und die zweite Schäumung ihm geben sollst, so achte gut darauf, daß du dich hütest, davon zu trinken. Gib dem Wesir von der ersten und bewahre die zweite gut für dich. Sieh zu, was dem Wesir geschieht, dann trinke du von deiner Phiole mit der zweiten Schäumung, und dein Herz wird zu einem Haus der Weisheit werden. Zuletzt nimm das Fleisch, lege es in eine Schüssel aus Kupfer und gib es dem König, daß er davon esse, und er wird wieder gesund werden." Hasib führte alles so aus. Der Wesir zerplatzt, der König gesundet und er selbst sieht das "Kreisen der Sphären" und erkennt die Geheimnisse des Himmels.

Die Schlange in diesem Märchen ist gütig. Sie symbolisiert alle verborgenen (in der Höhle) Kräfte und Freuden des Daseins. Sie verschenkt, sie opfert sich selbst, um ihre Wesensgaben den Menschen zu bringen. Sie gibt Heilung (für den König /das Selbst) wie Tod (für den Wesir /das Ego) und offenbart das Geheimnis der Welten ("Kreisen der Sphären") an die, welche sie suchen und lieben (Hasib). Die Schlangenkönigin ist die Große Göttin. Auf den ersten Blick (1.Schäumung) ist sie die Todesgöttin, aber auf den zweiten Blick (2.Schäumung), den Blick der Eingeweihten und der sie Liebenden, ist sie die Kluge, die Weise und die Erkenntnis schenkende Göttin der kreisenden - "kreißenden" - Sphären.

Mit diesem Bild der Königin, der gekrönten Schlange, wird die Vorstellung bildhaft gemacht, der Kreis und die in ihm ruhende Spirale sei das "Kronprinzip", die höchste und herrlichste aller schöpferischen Wirksamkeiten. Die Krone selbst ist eine goldene und in tausend Facetten strahlende, zum Kreis eingerollte "Schlange". Die Archäologin Marija Gimbutas schreibt in "Die Sprache der Göttin": "Seit dem 7. Jahrtausend ist die Krone das beständigste Identifikationsmerkmal der Schlangengöttin. Noch heute kommen in europäischen Märchen und Legenden Schlangen vor, die Krönchen tragen; dies gilt als Symbol für Klugheit und Reichtum. In anderen erwirbt ein Mensch durch den Kampf mit einer weißen Schlange eine Krone, mit deren Hilfe er allwissend wird, verborgene Schätze findet und die Sprache der Tiere versteht. Oder er erlangt übernatürliches Wissen, indem er vom Fleisch einer weißen Schlange ist."


Phallus und Menstruationsblut

So wie die Schlange, zum Kreis zusammengerollt, das weibliche Schöpfungsprinzip (als Krone) symbolisierte, so stellte sie in aufgerichteter, gerader Linie das männliche Schöpfungsprinzip (als Gipfel oder als Achse) dar. Der ewig eregierte göttliche Phallus hielt, wie die Mythen erzählen, die Welt aufrecht. Das Mahabbarata, der indische Epos historischer und legendärer Ereignisse, die zwischen dem 4. und 10.Jahrhundert gesammelt wurden, berichtet, daß der Polarstern, an welchem die Achse der Welt befestigt sei, "die Höchste Schlange Vasuki" ist. Der phallische Kopf dieser Schlange bildetet den Gipfel aller Himmelswelten. Der Polarstern wurde (Encyclopaedia Brittanica: "Precession of the equinoxes") "3000 v.Chr. "Alpha Draconis, das Drachenauge genannt". Noch heute wird übrigens der Phallus oft als die "einäugige Schlange" bezeichnet.

Der phallische Schlangenkopf wird in vielen Mythen und Märchen mit einer Perle oder einem Edelstein geschmückt beschrieben. In einer Geschichte aus dem alten Orient, die der Philisoph Hans Jonas (1903-1993) als "Lied der Perle" wiedergibt, wird der Prinz aufgefordert: "... und die eine Perle holst, die mitten in dem von der schnaubenden Schlange umringten Meere ist, sollst du das Prunkgewand, das dir nun abgenommen wurde, wieder anziehen..." Das Meer ist leicht als die Große Göttin zu verstehen, die von der phallischen Schlange aufgewühlt wird. Die Perle, die es dort zu finden gilt, dürfte der perlig-sammtige männliche Samen sein. Indischen Mythen nach kommt die erste Regelblutung einer Frau durch magischen Geschlechtsverkehr mit einer göttlichen Schlange zustande. In dieser Bildersprache erlangt die göttliche männliche Schlange ein blutrotes Juwel an ihrem Kopf. Hindus sagen, daß alle großen Schlangen blutrote Rubine der Unsterblichkeit an ihren Köpfen tragen.

Die arabische Tradition "setzt die Unsterblichkeit gewährende Nahrung mit dem weiblichen Menstruationsblut von königlich purpurner Farbe... gleich. Nach der Legende waren die Schlangen von Scheba (Ort in Palestina) purpurrot von der göttlichen Essenz... Von Scheba mag die rätselhafte lebensspendende Substanz gekommen sein, die im Gilgamech-Epos Shiba genannt wird und die dem Utnapishtim, der als einziger Mann unsterblich geworden ist, von seiner Gattin gespendet worden ist... Als diese heilige Matriarchin dem Gilgamech Shiba gab, warf er seine alte, kranke Haut ab wie eine Schlange und kam wie neugeboren daraus hervor." (Barbara G. Walker)

Das Menstruationsblut der Frauen galt als göttlicher Unsterblichkeitssaft. Die Heiligkeit dieses Blutes mag eine Ursache dafür gewesen sein, daß in der Frühzeit der Menschen Opfer Blutopfer sein mußten. Die rituelle Kastration von Männern, bis hin zur Beschneidung als nur noch symbolischer Kastration, läßt Männer sozusagen künstlich "Menstruationsblut" verlieren, und sie damit an der Heiligkeit von Blut teilhaftig werden. - Neue Religionen verdammen stets das Heilige der vorausgegangenen. Dass Menstruationsblut von den sich im Orient dann langsam etablierenden patriarchalen Religionen als "unrein" erklärt wurde, erstaunt also nicht.


Aufstieg des gesetzgebenden Gottes

In prähistorischer Zeit unter der spirituellen Herrschaft der Großen Göttin war der Phallische Schlangengott Mitschöpfer, dem sie gestattete sie als Erfüllungsgehilfe zu befruchten. In anderen Mythen war er ein anonymer Phallus, den die Große Göttin zu ihrer Freude erschaffen hatte. Mit dem aufkommendem Patriarchat änderte sich die Wertung des Schlangengottes grundsätzlich. In Mythen wird über Auseinandersetzungen des weiblichen Gottesprinzips gegen das männliche symbolhaft erzählt:

Der Schlangengott wurde in Palästina als "Leviathan" (der sich Windende) schon verehrt, lange bevor der Jahwe-Kult sich entwickelte. Er nahm für sich in Anspruch die Welt alleine geschaffen zu haben. Dafür bestrafte ihn die Große Göttin "Jehva" (Eva), indem "sie seinen Kopf mit der Ferse zermalmte und ihn in die Unterwelt verbannte. Auf diese Version des Schöpfungsmythos gründeten die Juden ihre Meinung, daß Evas Nachkommenschaft der Schlange den Kopf zertritt " (Barbara G.Walker). Der jüdische Priesterstand der "Levithen", möglicherweise auch der Stamm "Levi", leitet sich vom Kult des Großen Schlangengottes "Leviathan" ab. Die noch heute benutzte Redensart, "jemandem die Levithen lesen", meint also ursprünglich, ihm die Strafe der großen Phallischen Schlange anzudrohen. In der Offenbarung des hl. Johannes heißt es, Jahwe und die Schlange Leviathan stünden sich am Jüngsten Tag in einem letzten Kampf gegenüber.

Leviathan und Jahwe waren eine Zeit lang rivalisierende Götter. Der biblische Stab des Moses, der sich im Sinne des Leviathan in eine Schlange verwandeln konnte, und andererseits Jahwes Gebots-Tafeln, die Moses erhielt, sind ein aussagekräftiges Beispiel für diesen Zwischenstand. Jahwe als der Gott der Gesetze setzte sich gegenüber Levianthan als dem Gott kreatürlichen Schaffens - dem männliches Spiegelbild der Großen Mutter, ihrem Animus - letztendlich durch. Archetypisch formuliert zeigt sich in Jahwe ein Aspekt des Alten Weisen. Die Alte Weise in der Großen Mutter scheint sich in ihrem Todes- und Wiedergeburtsaspekt erschöpft zu haben.

In diesem Leviathan-Mythos kämpft die palestinensische "Große Mutter" den nach Macht strebenden "Phallusgott" noch nieder. In jener Zeit wurden die Könige ihr jährlich rituell geopfert, später nur kastriert und noch später nur beschnitten. Das aufkommende Patriarchat kehrte die Machtverhältnisse um: Jahwe drängt die "Große Mutter" - vordergründig indem er sie und ihren Phallusgott Leviathan in ihrer Bedeutung niederdrückt, in den wörtlich zu nehmenden Untergrund, im übertragenen Sinn ins Unterbewußtsein.

Dieser Kampf eines männlichen Gottes gegen die Schlange wird auch in Mythen von Indien bis Europa erzählt. Der indische Gott Indra tötet die Schlange Vrtra, der babylonische Held Marduk vernichtet das Schlangenungeheuer Tiamat und der germanische Gott Thor erschlägt die Midgardschlange. Es gibt viele Schlangentötermythen bis hin zur Siegfriedsage. Siegfried hat die alte Schöpfungs- und Zauberkraft des Drachen, des Lindwurms noch überlebt: sein Blut gibt Siegfried die Gabe, unsichtbar und unverletzbar zu werden. Auch der Kampf des hl. Georg gegen den Drachen gehört zu diesem Mythenkreis. In dieser Legende ist die Schlange dann zum Inbegriff allen Bösens aus christlicher Sicht, das heißt primär der Weiblichkeit und Sexualität, der "Schwäche des Fleisches", der dunklen Höhle geworden.

In seinem Werk "Entwicklungsgeschichte des menschlichen Bewußtseins" vergleicht Erich Neumann diese Loslösung von der Großen Mutter durch das Patriarchat mit der Entwicklungsphase eines Kleinkindes: Es entwächst der frühkindlichen symbiotischen Verbindung mit der Mutter, wie die Menschheit der Großen Mutter entwuchs. Die Knaben werden stolz auf sich selbst, sie grenzen sich härter ab als die Mädchen, weil sie sich nicht wie diese mit der Mutter via Geschlecht identifizieren können. Jede Abrenzung fällt leichter, wenn man seinen Fokus auf die Schattenseiten des Abzugrenzenden legt: so wurde aus der "Guten Mutter Schlange" die "Böse Mutter Schlange".


Die Schattenseite der Großen Mutter

Die Schlange "umschlingt" und "verschlingt", wie ihr deutscher Name sagt. In Ägypten und in Indien erhielt sie den Ehrennamen "Die Umschlingende". Sie umschlang als Göttin in Schlangengestalt, als Geliebte den phallischen Gott oder auch den König als dessen Stellvertreter. In einigen Kulturen "umschlang" sie ihn nicht nur, sondern "verschlang" ihn anschließend an die rituelle geschlechtliche Vereinigung; er wurde geopfert. Auf babylonischen Walzensiegeln ist dargestellt, wie sie über ihrem Gemahl, "dem mit dem Schlangenpenis", im Geschlechtsakt hockt. Er opfert sich selbst dabei, um von ihr verschlungen zu werden. Auch hier wird als scheinbares Paradoxon, indem sie gleichzeitig um- und verschlingende Göttin ist, ihr Lebens- sowie ihr Todesaspekt als Geheimnis des Lebens überhaupt, deutlich.

Am Beispiel der Gorgo, der ursprünglichen Schlangengöttin des Mittelmeerraumes, läßt sich sehr schön der Wertewandel ablesen, den diese Urmutter in Schlangengestalt im Laufe der Jahrtausende erlebte. "Gorgo" war eine Ritualmaske, die ein von Schlangen umlocktes Frauengesicht darstellte. Der Name bedeutet "Schreckliches Antlitz". Barbara G. Walker schreibt: "Wie andere Varianten der archaischen Großen Göttin bildeten in der klassischen Mythologie auch die Gorgonen eine Trinität. Ihre Namen waren Medusa, Stheno und Euryale: Weisheit, Stärke und Vielseitigkeit. Hellenische Schriftgelehrten hielten sie für Ungeheuer, ... Die Geschichte, daß der Blick der Gorgonen Menschen versteinern könne, leitet sich von der Funktion des Gorgo-Antlitzes ab, die Geheimnisse der Mysterienkulte der Großen Göttin zu schützen und zu bewahren..... Das alte akkadische Wort für 'Priesterin' bedeutete eigentlich 'Schlangenbeschwörerin'."

Mit der Christianisierung wurden die Priesterinnen der Großen Göttin zu "Hexen" abgestempelt, und die Schlange als das allermächtigste ihrer Totemtiere zum häßlichen und todbringenden Attribut der Hexen degradiert. Ihr Lebensaspekt, konkret die Sexualität, wurde in den "Schatten" verbannt - der Tod dagegen war offen allgegenwärtig, man denke nur an die Kriege und die Pestepidemien. Seit Sigmund Freud (1856 - 1939) sehe ich die Pole Sexualität/Tod im Prozess des Kippens: heutzutage steckt nicht mehr die Sexualität im "Schatten" - sondern der Tod, er ist in der westlichen Welt weitgehend tabuisiert, die Medizin versucht den "Tod zu töten". Das bedeutet in der Konsequenz für mich, dass er uns um so härter treffen wird, holen wir ihn nicht akzeptierend ins Tagesbewußtsein zurück.

In diesem Zusammenhang der Todes-Verdrängung erklärt sich mir, dass die Schlange, taucht sie im Traume auf, heute typischer Weise sexuell interpretiert wird. Ich sehe hier die Neigung unserer materialistisch orientierten und oft hedonistisch gelebten Kultur den doppelgesichtigen Schöpfungsaspekt der Schlange auf den Pol Sexualität zu beschränken - denn damit kommen wir heutzutage weitgehend klar, mit dem Tod dagegen weit weniger. In Folge der Verdrängung des Todes in unserer westlichen Kultur ist die Schlange als Schöpfungssymbol für sehr viele Menschen zum verschlingenden Angsttier schlechthin geworden. Schlangenliebhaber werden oft als noch exotischer wahrgenommen, als die Schlange selbst.

Mit spiraligem Schmuck, auch ausdrücklich in Form von Schlangen, zeigen sich heute wieder viele Frauen sehr gern. Dieses Empfinden, in der Schlange offenbare sich kosmische Lebenskraft, die den Tod impliziert, wird wahrscheinlich oft unbewußt immer noch oder wieder wahrgenommen und so zum Ausdruck gebracht. Das "Umschlingen" mit Schlangenschmuck überträgt rein emotional etwas vom magischen Schlangenzauber, von ihrer "atomaren" (aber menschlich-männlich spaltbaren) Schöpfungs-Urkraft auf seine Trägerin.


"Baum des Lebens" - "Baum der Erkenntnis"

Im Alten Testament (Genesis) wird von einem "Baum der Erkenntnis" und von einem anderem als "Baum des Lebens" berichtet. Schon immer irritierte mich, dass solch ein Ursymbol wie der Weltenbaum zweimal in dem ebenso mächtigem Ursymbol des Paradieses zweimal stehen sollte. Weder in der Literatur noch in mir selbst fand ich eine mich überzeugende Erklärung dafür. Diese sprang mir erst während des Schreibens an diesem Kapitel in die Augen: Jedes Element erscheint so viele Male als neu oder anders, aus wie vielen Perspektiven es neu oder anders betrachtet wird. Also mußte der Ankerpunkt für die ZWEIheit des Weltenbaumes eine Frage der Perspektive sein, genauer gesagt der Ausdruck der Polarität aller irdisch erfahrbaren Erscheinungen und Wirkungen. Die Schöpfungsmacht wurde bis dahin als weiblich (Jehwa, Palistinänsiche Muttergottheit) erfahren, in neuer Perspektive auf die Schöpfungsmacht setzte sich diese als männlich gedacht (Jahwe) nach und nach durch. Jehwa/Jahwe spiegelte den großen kulturellen Wandel hin zum Patriarchat.

Der "Baum der Erkenntnis" steht immer im Zusammenhang mit der Erkenntnis von Gut und Böse. Vom "Baum des Lebens", der in der Mitte des Paradiesgartens wächst, ist als einzigem auch mehrfach im Buch der Sprüche die Rede. Er steht für Weisheit und ewiges Leben. Die Schlange im "Baum der Erkenntnis" verführte Eva dazu, von seiner Frucht zu essen, und sie auch Adam zu reichen. "Erkennen" ist in der Bibel Synonym für den Geschlechtsakt. Im Deutschen ist dieser gleiche Bedeutungszusammenhang sprachlich gegeben: Die Worte "Kennen" und "Können" sind sinn- und sprachverwandt. Kennen/Können wiederum leitet sich aus der gleichen Wortwurzel wie "gen(us")= "Geschlecht, Abstammung" ab. Die Verbindung von "erkennen" als können im Sinne von potent und fruchtbar ist damit gezogen.

Es erscheint mir jetzt offensichtlich, dass diese beiden Bäume im Paradies nur einer sind, aber aus jeweils anderer Perspektive betrachtet. In der Genesis steht: "Aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist."

Jahwes Sicht des Weltenbaumes:
Als verbotener "Baum der Erkenntnis" ist er mit der Fruchtbarkeit der Schlange, die ja auch in ihm lebt, und mit der Großen Mutter sinnverwandt. So ist es auch nicht überraschend, daß die Schlange Eva den Apfel und nicht Adam reicht. Der Apfel ist ein uraltes Sonnen- und Liebessymbol. Jahwe verbietet von diesem Baum zu essen, als Konsequenz würden Adam und Eva sonst sterben. Zum Einen zeigt sich die Große Mutter im Bild der Schlange für ihn in ihren Todesassekt, und zwar ohne den Trost der ewigen Wiedergeburt. Das von ihr verkörperte zyklische Lebensprinzip ist von einem linearen verdrängt worden. Zum Anderen ist der "Baum der Erkenntnis" für ihn der Inbegriff weiblicher Verführung zu sexueller Lust, die es für ihn als "böse", da im Machtbereich der "Bösen" Großen Mutter, zu unterdrücken gilt. Das Wissen um "Gut und Böse" ist für ihn eine Frage des Gehorsams seinen Gesetzen gegenüber. Dieser "Baum der Erkenntnis" ist für Jahwe der "Baum des Lebens" - aber in der Negation. Nicht sterben wird derjenige, der ihm als dem Sinnbild der Großen Mutter in ihrem negativ bewertetem Schlangenaspekt widersteht. "Gut" ist der ihm Gehorsame. Der "Baum der Erkenntnis" ist für Jahwe deshalb der zu verbietende "Baum des Lebens", da er für Trieb, Instinkt und Sexualität steht, die es für ihn durch die Forderung nach Gehorsam zu kontrollieren gilt.

Jehwas Sicht des Weltenbaumes:
Jehwa, die alte palästinensische Große Mutter, verlockt Eva, man kann sie als ihre Tochter betrachten, in Gestalt ihres mächtigen Symboltieres Schlange von diesem Baum zu essen: Es handelt sich für sie ebenso wie für Jahwe um den "Baum der Erkenntnis", der für Phallische Lust und Fruchtbarkeit steht - aber von ihr wird dies positiv gewertet. Das Leben wird von ihr im matristischen Weltbild als unsterblich in ewigen Kreisläufen der Wiedergeburt verstanden: in diesem Sinne ist er für sie zugleich der "Baum des Lebens". Als "Baum der Erkenntnis" ist er Sinnbild für Trieb, Instinkt und Sexualität, die sich nicht kontrollieren, nicht verbieten lassen wollen und können im Interesse des Überlebens und der Lebensfreude. Das Wissen um "Gut und Böse", für sie das Wissen um "Lebensfreundlich und Lebensfeindlich" wird nämlich aus genau diesen Quellen, aus Trieb, Instinkt und Sexualität, gespeist.

Die Vertreibung aus dem Paradies als Strafe Gottes dafür, vom "Baum der Erkenntnis" gegessen zu haben, wird heute meist psychologisch gedeutet: Adam und Eva, das heißt die Menschen erkannten das Spannungsverhältnis zwischen "logos", Gedanke, Entscheidung und Willen einerseits und der Natur andererseits. Sie fielen aus der instinkthaften Einheit alles Lebendigen heraus in die Polarität des Daseins. Sie erkannten sich selbst als Mann und Frau und das Paradies als "Garten Eden", in dem aber auch hart gearbeitet werden mußte. Sie erkannten die Schlange in ihrer Doppel-Züngigkeit - und vergaßen sie als Schöpfungs-Einheit dahinter.

Ich möchte noch einen archetypischen Aspekt hinzufügen: Jahwe - als Idealgestalt der Mosaischen Religion - stellt mit seinem Verbot von den Früchten des "Baum des Lebens" zu essen seine eigene Anima und damit die seiner Anhänger in den seelischen Schatten. Die "Vertreibung aus dem Paradies", ein Leben ohne eine integrierte, reife Anima ist tatsächlich hart und schwer, lieblos und schwermütig machend. Auch Ich- und Rachsucht können ohne ihren besänftigenden Einfluß leicht ausufern. Grausame Intoleranz feierte und feiert ihre Siege, wie die Geschichte zeigt.

Jesus brachte mit dem Gebot der Nächstenliebe Aspekte der Anima ins Bewußtsein zurück - die Römische Kirche untergrub sie dann in der Praxis. Der Islam pflegt auch heute noch das Frauenbild einer zu beherrschenden Verführerin, dahinter steckt die alte Angst vor der Frau als sie verschlingende, entmachtende Schlangengöttin. Ebenso steht er mit seinen kriegerischen Tendenzen und mit seinem Erziehungsprinzip des Gehorsams noch ungebrochen in der Nachfolge Jahwes. Es ist kennzeichnend, dass der heutige Hauptkriegsherd im Nahen Osten, im Schnittpunkt der drei auf dem Jahwe-Kult basierenden Religionen liegt. Friedlich gelöst werden kann dieser Konflikt nur durch eine Re-Integration der Anima in die Psyche der Einzelnen, sowie durch Einbringung von Werten wie Empathie, Friedfertigkeit und das Talent "Leben und leben lassen" in die patriarchalen Kulturen dort. Es sieht für mich so aus, dass der Leidensdruck dazu aber leider erst noch wachsen muß.


Schlange, Lebensbaum und Seele

In einem Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm werden Schlange, Lebensbaum und seelische Prozesse wunderschön miteinander verwoben. Der Inhalt:

Ein armer Mann hatte einen Sohn, den er nicht mehr ernähren konnte. Deshalb wurde der junge Mann Soldat. Er war ganz ungewöhnlich mutig und wendete alleine eine schon fast verlorene Schlacht zum Sieg. Der König holte ihn als Dank dafür an seinen Hof. Dort verliebte er sich in die Königstochter. Diese hatte den Schwur getan, nur den Mann heiraten zu wollen, er bereit sei ihr lebendig ins Grab zu folgen, wenn sie vor ihm sterben würde. Sie würde auch ihm lebendig ins Grab folgen, stürbe er vor ihr.

Kein Königssohn fand sich als Freier der Prinzessin, denn alle hatten Angst vor den Folgen dieses Schwurs. Nur der junge Soldat war mutig genug sie zu heiraten. Die beiden liebten sich sehr, doch dann erkrankte die Königstochter und starb. Ihr Gemahl folgte ihrem Sarg ins Grabgewölbe, bereit zu sterben. Aus einer Erdspalte näherte sich eine Schlange dem Sarg. Der Mann befürchtete, sie wolle der Toten etwas antun und schnitt sie mit seinem Schwert in drei Teile. Da kam eine zweite Schlange aus der Spalte. Sie legte drei Blätter auf die Schnittwunden der toten Schlange - und diese wuchs wieder zusammen, wurde lebendig, und beide Schlangen verschwanden gemeinsam in der Erde. Nun legte der Gemahl seiner toten Frau diese drei Blätter auf den Mund und die Augen. Auch diese begann wie die Schlange wieder zu atmen. Die Freude des Königs über die Wiedererweckung seiner Tochter war groß. Der Diener des Mannes bewahrte die Blätter auf.

Aber die Königstochter hatte sich verändert, sie war launisch und böse geworden. Als sie mit ihrem Mann eine Seefahrt machte, verliebte sie sich in den Schiffer und ließ ihren Mann über Bord werfen. Dessen Diener aber fischte ihn von einem Boot aus auf, legte ihm die Schlangenblätter auf Augen und Mund und holte ihn so ins Leben zurück. Sie fuhren zum König, der sie versteckte, um zu sehen, ob sie die Wahrheit über seine Tochter gesagt hatten. Als diese mit dem Schiffer ankam und erzählte, ihr Gemahl sei tot, da wußte der König, daß sie schlecht geworden war. Er ließ sie mit ihrem Schiffer im Meer versenken.

Dieses vielschichtige Märchen erzählt in seiner Bildersprache zum Einen von der romantischen Liebe und zum Zweiten von inneren Konflikten zwischen Freiheit und Bindung:

Dem jungen Mann begegnet der Tod zweimal. Das erste Mal stirbt seine Frau, die man als Sinnbild seiner Seele, als "Anima" in Sinne C.G.Jungs auffassen kann. Diese hatte sich untrennbar mit ihm, seinem Geist oder auch seiner Persona verbunden (Schwur der Königstochter) - und er sich mit ihr, seiner Lebensenergie. Dieser unbedingte Wille, seine Seele nicht zu verlieren (folgt seiner Frau ins Grab), führt ihn zum Geheimnis ihrer Ewigkeit. Das Mittel für die Unsterblichkeit (drei Blätter) verrät und überläßt ihm eine Schlange.

Im Märchen wird dann gesagt, seine Frau habe sich nach diesem Trauma (Tod) völlig verändert. Dies läßt sich so interpretieren, daß sie sich durch Berührung mit dem Schlangenprinzip der Wandlung eben wandelte. Treu oder untreu, gut oder böse, diese moralischen Polaritäten sind kulturell relevant, aber nicht für tiefe seelische "Anima"-Bereiche, in denen etwas einfach nur ist, so wie die Schlange ist. Es geht um Erfahrungen, um Entwicklungen.

Der junge Mann wird dann selbst getötet. Er stirbt, weil seine Seele, seine "Anima" sich von ihm, oder er sich von ihr, entfremdet hat. Sein Diener rettet ihn mit den drei Blättern. Diesen Diener kann man sehr gut als den instinkthaften Überlebenswillen des jungen Mannes deuten, der ihm immer "zu Diensten" ist, auch in schwersten Lebenskrisen.

Der ursprüngliche Vater des jungen Mannes wird als arm beschrieben; der reiche König ist sein neuer Vater. "König-Vater" wird oft als übergeordnete seelische Instanz aufgefaßt, als das "Selbst" im Sinne C.G.Jungs, als sein innerster Kern und sein äußerster Rahmen, sein Bewußtes und Unbewußtes umfassendes Wesen. Dies neue Selbst (neuer Vater) hat sich, da seine Seele (Frau) sich verwandelt hatte, zwangsläufig auch verwandelt. Diese hat sich nach ihrer "Wiedergeburt" für die Lust in Freiheit entschieden. Und er entscheidet sich folgerichtig zum Gegenpol von Lust in Freiheit, nämlich für die Herrschaft von Gesetz und Regel - er läßt sie töten. Damit tötet er vieles in sich selbst ab.

Zum Dritten erzählt das Märchen vom Geheimnis der Unsterblichkeit und damit von der ewigen Gültigkeit der Seele. Es läßt einen Deutungsrahmen zu, der weit über die persönliche Entwicklung eines Menschen hinausgeht, und der ist durch die Schlange verkörpert:

Das Geheimnis des ewigen Lebens liegt in drei Blättern verborgen, mit der eine Schlange eine andere Schlange zum Leben wiedererweckt. Die Schlange ist hier die Wissende. Drei Blätter, das läßt sofort an einen Baum denken, von dem sie gefallen sein mögen. Und die Zahl "3" hat eine ganz besondere Beziehung zu einem Baum, die sich im Englischen noch gut verrät: "tree" (Baum) leitet sich ab von "three" (drei, der "Dreifache"). Ein Baum war den frühen Menschen Sinnbild für das Trinitätsprinzip der Welt. Die Zeit wurde als Vergangenheit - Gegenwart als Mittelpunkt der Zeitachse - und Zukunft erfahren und das Weltall galt als aufgeteilt in Unterwelt - Erde als Mittelpunkt der Raumachse - und Himmelswelt. Der Baum symbolisierte diese Trinität durch seine Wurzel, seinen Stamm und seine Krone. Im Märchen wird die Schlange in entsprechend drei Teile zerschlagen und wieder geheilt, das heißt geeint. Die Druiden, die keltischen Priester, waren die Baumwissenden, die mit der Dreiheit Erfahrenen. Das Wort Druide hat den gleichen Wortstamm wie franz.: trois (drei) und griech./gall.: drus (heilige Eiche).

In diesem Märchen erfährt der junge Mann das Geheimnis des "Baumes des Lebens" (die drei Blätter). Die Dreidimensionalität von Raum und Zeit wird in diesem Bild eines Baumes und seiner Schlange aufgelöst in eine undimensionierte, oder auch in eine unendlich dimensionierte Einheit - in eine Singularität, die unser eigentliches Wesen ausmacht. Die Polarität von Raum und Zeit in jeweils sich selbst, in Bezug auf einander und in Bezug auf uns müßte in unserem Denken überwunden werden, um dies Geheimnis, das die Schlange hinter der Polarität ihrer Doppel-Züngigkeit verkörpert, zu verstehen.


Angst ist eine Illusion
Vor Jahren träumte ich:

Eine Riesenschlange. Ich betrachte sie genau und erkenne, in Wirklichkeit ist sie eine Frau. Eine Frauenhand, gewickelt in Schlangenhaut, ist zu sehen. Sie versucht ihre Hand nicht zu bewegen und nicht zu benutzen, da sie als Schlange ja keine Hand hat. Eine zweite Frau, meine Lehrerin, sagt, ich müsse lernen, daß die Schlange mich nicht töten würde. Sie würde mich jetzt ganz umrollen und meinen Kopf in ihren Rachen stecken, aber dann würde sie meinen Kopf wieder heraus- und mich freilassen. Die riesige Schlange, mindestens eine Boa Constricor, fängt mich ein und presst mich mit ihrem Leib völlig zusammen. Ich kann mich überhaupt nicht mehr rühren. Dann ist der Schlangenkopf, er ist fast so groß wie mein eigener, direkt vor mir. Bevor sie mich verschlingt, steckt sie ihre zwei Zungenspitzen zwischen meine Lippen, ich kann gar nichts dagegen machen, und sie sagt befriedigt: "Jetzt erlebst du wie es ist, von der Schlange geküßt zu werden." Sie bewegt ihre zwei spitzen Zungenenden schlängelnd in meinem Mund hin und her; es ist mir entsetzlich unangenehm, daß es zwei Zungen sind. Ich will, daß das alles aufhört. Aber meine Lehrerin sagt, ich müsse das Verschlungen- und das Freigelassenwerden bis zum Ende erleben, denn das wäre der einzige Weg, daß ich später tatsächlich glauben und sicher wissen würde, die Schlange tut mir nichts an und tötet mich nicht, dass ich keine Angst mehr haben würde. Ich weiß, sie hat Recht - und füge mich.

Meine Gedanken und Gefühle zu diesem Traum: Die Schlange jagte mir mein Leben lang Todesangst ein. Und in diesem Traum ist sie die verschlingende Todesgöttin, die wieder neu ins Leben entläßt. Die Dreifache Große Mutter erscheint mir, um ihre drei Aspekte in mir in Balance zu bringen. Schlange ist sie in ihrem Todes- und Wiedergeburtsapekt, als Lehrerin ist sie die gute Mutter, und das Traum-Ich ist die junge Frau als Lernende der Zusammenhänge.

Ich lerne in diesem Traum, daß Angst eine Illusion ist. Angst vor Gewalt, Gefangenschaft, Verletzung und letztendlich dem Tod ist nur der Glaube, daß all dies außerhalb jeder Liebe, und nur zu unserer Qual und unserer Vernichtung, geschehe. Dabei geschieht es paradoxerweise aus Liebe, Angst erfahren zu müssen, denn auch wenn der Kuß der Schlange "unangenehm" ist, so ist er doch ein Kuß. Ich habe verstanden, daß wir die Angst brauchen - um sie verlieren zu lernen - und um durch ihren Verlust etwas über das Wesen der Liebe zu begreifen. Liebe, das ist die urmächtige Schöpfungsschlange hinter der in "Leben und Tod", "Liebe und Angst" gespaltenen Zunge, mit der wir sie erfahren - solange sie uns nicht küßt und so mit ihrer Polarität versöhnt. "Anima", gleichermaßen die Riesenschlange wie meine Traumlehrerin, hilft zu einer ganz wunderbaren, tiefen Erfahrung. Sie ist nicht nur der Archetypus des Lebendigen, sie ist für mich der Archetypus der Liebe geworden.


"Eine(r) im Westen" von Maggie M. Roe

Dies ist eines vom Maggie´s letzten Bilder, sie war damals schon sehr krank. Ihr Stil hat sich geändert, ist abstrakter und reduzierter geworden.

In ihren früheren Bildern unterstrichen oder zentrierten die uralten Symbole der Indianischen Kultur des Nordwestens die Essenz des in sanften Konturen und fließenden Flächen gemalten Tieres, seine Ausprägungen, seine Talente und seine Welt. In diesem Bild ist auch das Tier selbst, die Schlange, eine symolische, konzentrierte Aussage seiner Energie und deren Wirkkraft. Die Symbole entstammen auch nicht mehr der Indianischen Kultur des Nordwestens, sie sind universell. Spiralen, Geraden, Parallellen, ein Kreis, eine Scheibe oder Kugel - sie geht sparsam, sehr verdichtet mit den Zeichen um.

Im Zentrum des Bildes schwebt ein großes Ei. Es ist transparent, es birgt eine Schlange, die sich um eine zweites Ei, ein nicht durchschaubares Licht-Ei hochreckt. Es ist so klein, dass es in weiter Ferne sein könnte, aber ebensogut ganz nah, als ihr eigenes Zentrum, die Dotter, der Kern ihres Seins und Werdens. Sie ist "Eine(r) im Westen": sie entkreist sich im Westen der senkrechten Achse im Ei, die oben in einen angedeuteten Totempfahl, einen Lebensbaum übergeht. Zwei Spiralen sind als einzige Symbole eingeritzt. Beide drehen sich im Uhrzeigersinn - nach Osten im Bild, wenn wir es wie eine Landkarte des Lebens sehen, wie es der Bildtitel nahelegt. Die Spiralen entrollen sich hin zu einem neuen Sonnenaufgang. Dieser Totempfahl ragt vor einem Regenbogen in die Höhe, vor einem Himmelsgewölbe, hinter dem sich eine große weiß- und heißleuchtende Sonne andeutet. Nach unten endet der Pfahl auf und in einem horizontalem Balken, und in dieser Berührung des Pfahls mit der Ebene, der Erde, liegt das Ei. Hier ist ist sein Ruhepunkt und auch seine Quelle.

Unter dem horizontalem Balken sind aufrechte Blöcke, Strukturen, die dem Oben Stabilität geben. Auch eine ein Dreieck bildende Schichtenstruktur trägt die Ebene darüber. Nach oben gerichtete Dreiecke symbolisierte Geist, der weiter vordringen will. Ein nach oben und nach Osten gerichtetes Dreieck bildet auch der Schlangenkopf. Der östliche Teil des Eies ist leer, ist verlassen. Die Schlange richtet ihre Wahrnehmung in die Erinnerung des Anfangs und in die Erwartung dessen, was die in ihren Lebensbaum gezeichneten Spiralen entrollen werden.


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Cornelia Savory-Deermann Cornelia Savory-Deermann

Cornelia
Savory-Deermann
, geboren 1945 in Wuppertal, hat seit 1971 Englische Bulldoggen. Seit Mai 2005 haben die Bulldogs hier ihr eigenes deutsches Weblog bekommen:

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Die Buchkapitel:

Inhalt

Einleitung

Tiere als Spiegel der Seele

Tiere als Sinnbild der Kultur

Bilder von Maggie M. Roe

1. Adler
2. Bär, Bärin
3. Biber
4. Biene
5. Delphin
6. Esel
7. Eule
8. Falke
9. Fisch
10. Fledermaus
11. Frosch, Kröte
12. Fuchs
13. Gans
14. Hase
15. Hirsch
16. Huhn, Hahn
17. Hund
18. Katze, Kater
19. Krebs
20. Kuh, Stier
21. Maus
22. Möwe
23. Mücke
24. Muschel
25. Otter
26. Pferd
27. Rabe
28. Ratte
29. Reh
30. Schaf, Widder
31. Schildkröte
32. Schlange
33. Schmetterling
34. Schwan
35. Schwein, Eber
36. Seehund
37. Spinne
38. Storch
39. Taube
40. Wal
41. Wolf
42. Ziege, Z-Bock

Literatur-Verzeichnis




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