Tiere als Spiegel der Seele und Sinnbild der Kultur
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Schwein und Eber


Zum Symbol, zum Sinnbild gewordene Eigenschaften

  • Das Schwein lebt in unwegsamen Morasten und in Unrat. Deshalb konnte es zum Sinnbild des Wunders werden, das Erde, Schlamm und Schmutz in Gold verwandelt: in das Gold großer Fruchtbarkeit, fetter Nahrung und leichten Überlebens für den, der es hat. Es wurde zum "Glücksschwein".
  • Die Menschen wußten, dass die Fruchtbarkeit der Böden, Tiere und ihre eigene fundamentale Lebensbasis ist. Im Schwein war Jahrtausende die Große Muttergöttin symbolisiert worden. Das änderte sich radikal mit dem Beginn des Patriarchats.
  • In Eurasien behielt das Schwein einen gewissen Stellenwert, aber im Orient wurde es als früherer Inbegriff sexueller, weiblicher Verführungskraft für unrein, anstößig und gefährlich erklärt. Aus den gleichen Gründen wurden und werden die Frauen dort immer noch abgewertet und unterdrückt.


Das Schwein als Erdentier

Das Schwein wühlt in der Erde nach Nahrung. Seine Nase übertrifft noch die eines Hundes: es riecht z.B. die metertief verborgenen Trüffel. Es lebt sozusagen von Erde und es suhlt sich im Schlamm. Für die frühen Menschen war es deswegen eine Verkörperung von Mutter Erde selbst.

Nach der letzten Eiszeit vor etwas 12000 Jahren waren weite Teile Europas durch die Schmelzwasser versumpft. In diesen Gebieten konnten die Schweine leben, denn sie werden sogar von verfaulender Pflanzennahrung groß und fett. Schweine bedeuteten für die Menschen damals beste Nahrung, durch sie konnten sie verhältnismäßig gut überleben. Auch im Vorderen Orient, der damals noch wasserreich und waldig war, lebten überall Schweine. Eine große Vielzahl von Skulpturen und Gefäßen aus der Zeit zwischen dem 7. und 3. Jahrtausend v. Chr. sind mit Schweinen oder Schweinsköpfen verziert. Sie zeugen von der Bedeutung, die das Schwein für Leben und Kult dort innehatte.

Schweine wurden in Eurasien schon vor über 10000 Jahren gehalten und gezüchtet. Die Hausschweine stammten von heimischen Wildscheinen ab. Wer sich Schweine halten konnte war gut versorgt, denn sie wachsen sehr schnell, sind außerordentlich fruchtbar und in der Haltung anspruchslos, da sie Allesfresser sind. Jacob Grimm schreibt, daß die Menschen von den Schweinen das Pflügen lernten. Sie übernahmen einfach deren erfolgreiche "Erdarbeit": statt des Nasenrüssels benutzten sie einen Stock, um die Erde aufzulockern und damit das Aufgehen der Saat zu erleichtern. Die Schweine brachten als Arbeitsvorbild den frühen Ackerbauern Wohlergehen. Der Aberglaube, Schweine brächten Glück, war in diesen uralten Zeiten Realität. Noch heute werden auf Neujahrskarten millionenfach Schweine als Glücksbringer abgebildet.


Das heilige Schwein

Die Große Mutter der Steinzeit wurde als Erd- und Vegetationsgöttin mystisch gleichgesetzt mit Erde=Schwein=Nahrung. Besonders deutlich wird dies im griechischen Mythos von Demeter und ihrer Tochter Kore. Als Erdgöttin stand Demeter ("De": Delta, das weibliche Geschlechtsdreieck; "meter": messen, weibl. Zyklus) für die Heiligkeit der Vegetation, und sie war die Schutzherrin des Ackerbaus. Im Mythos wird ihre Tochter Kore vom Gott der Dunkelheit und des Todes, Hades, entführt. Hades tritt hier als Winterdämon in Erscheinung, der im Winter jede Vegetation in die Dunkelheit des Erdreichs hinabzieht. Kore, lat. Ceres, ist heute noch namengebend für Getreide allgemein: wir sprechen von "Ceralien". Unser Wort "Kern" und "Korn" stammen vom gleichem Wortstamm. Kore ist eine vorhellenische, altorientalische Göttin aus dem persischen Raum, die vermutlich schon 8000 v. Ch. in orgiastischen Riten verehrt wurde. (www.kürwitz.de/Kore). Ihr Name bedeutete im Griechichen "Mädchen". Das Getreide wurde als mädchenhaft, als "Tochter" (Kore) der Göttin Demeter, als Tochter des "Weiblichen Dreiecks" betrachtet. Ackerarbeit war Frauenarbeit.

Das Schwein spielte in diesem Demeter-Kore Mythos eine bezeichnende Rolle: Hades riss die Erde auf, um mit Kore (den Saatkörnern) in ihre Tiefe zu verschwinden, und mit ihm stürzte der Schweinehirt Eubuleus, der auch ein Sohn Demeters gewesen sein soll, mit in den Abgrund. Ein Schweinehirt war in Alteuropa ein Wahrsager und Priester der Muttergöttin.

Dieser Mythos steht im Zusammenhang mit dem Erntefest der Thesmophorien, bei dem Ferkel in eine Erdspalte geworfen wurden, welche die "Demeter=Vagina" der Erde war. Die amerikanische Archäologin Marija Gimbutas schreibt: "An den Thesmorphorien, einem dreitägigen Fest, das zu Ehren Demeters aus Anlaß der Herbstaussaat im Oktober stattfand, nahmen ausschließlich Frauen teil. Frauen brachten Frischlinge, die sie drei Monate vor dem Fest geschlachtet und zur Verwesung in Kellern aufbewahrt hatten, und legten sie zusammen mit Pinienzapfen und Weizenkuchen in Form von männlichen Genitalien auf einen Altar; anschließend wurden sie mit dem Saatgut vermischt und auf den Feldern ausgebracht. Den Tierkadavern schrieb man die Fähigkeit zu, die Keimkraft der Saat zu erhöhen." Herodot berichtet über ähnliche Rituale in Ägypten. Das Schwein oder das Ferkel wird als Opfertier in diesen Zeremonien der Erde wieder zurück gegeben, von der es gelebt hatte. Der ewige Kreislauf von Nehmen und Geben wurde so rituell aufrecht erhalten. - Heute würde man sagen, die Frauen "düngten" den Boden mit organischen Stoffen, damit er sich erneuerte.

Als das Muttertier schlechthin war das Schwein der steinzeitlichen Großen Mutter heilig, ja sie wurde als Schwein, oder "schweinig" gedacht. Da die Große Mutter aber auch die Erde selbst war, war des Schwein auch Symbol der Fruchtbarkeit der Erde selbst. Wir sprechen heute noch von der besonders fruchtbaren "Muttererde", die sich durch Verrottungsprozesse bildet.


Sau und Eber

Das Schwein wurde besonders als das Heilige Tier der schwangeren Göttin betrachtet, wahrscheinlich auch deshalb, weil es einen rundlichen, schnell zunehmenden Körper hat und zweimal im Jahr trächtig werden kann. Es erinnerte die frühen Menschen vielleicht auch an den wachsenden Leib einer Schwangeren. "Schwein" heißt lat. "suinus", kelt. "suig"; das Wort "Sau" für das Mutterschwein leitet sich aus diesem Wortzweig her. Assoziationen zu einem Stammwort werden sicherlich immer auch Wortentwicklungen beeinflußt haben. Bei "Schwein" denken wohl nicht nur wir heute - allein schon über die Laute - an "weihen" und auch "Wehen". Und ebenso wie beim Schwan an lat. "Venus" Liebe, altind. "vanas" Verlangen Lust und "vanati" Liebe, sowie engl. "win" gewinnen. Lustvoller Sex galt als Fruchtbarkeit bringender, heiliger Akt.

Es gibt noch einen weiteren spannenden sprachlichen Zusammenhang. Der "Eber" ist das männliche Zuchtschwein, lat. "aper", niederl. "ever", altengl. "eofur". "Aper" ist verwandt mit "Aphrodite", die in ältester Zeit eine Schweinegöttin darstellte. Sprachlich ebenso verwandt sind "Eva" und die alte palestinensische Muttergottheit "Jehwa", und damit auch der sich im beginnenden Patriarchat daraus ableitende Name "Jahwe". "Ewig", engl. "ever", war diese(r) Allerhöchste(r) auch. Schweine sind die ältesten Symboltiere für das göttliche Wunder sich ewig erneuernder Fruchtbarkeit, ja des Daseins überhaupt in gesamt Eurasien gewesen. Später wurden sie in dieser Bedeutung durch Kuh und Stier abgelöst.

Bei den Germanen ritt und thronte die Fruchtbarkeitsgöttin Freya auf dem Schwein Hildisvini, dessen Name "huldvolles Schwein" bedeutet. Bei ihren Jahresfesten wurde ihr die trächtige Sau Sônargöltr geopfert, deren Namen "Sonnengold" heißt. Freyas Bruder und zugleich Geliebter Freyr, deren Namen Herrin und Herr meinen, galten als Inbegriff fruchtbarer Liebe, Schönheit und auch Freiheit. Für Freya und die Frauen im Matristischen Zeitalter der Großen Mutter, also vor den Einwanderungwellen der patriarchal geprägten Indogermanen, war Liebe und Sexualität frei, die "Freier" waren die Liebhaber. Entsprechend waren die Männer auch kaum als Väter in der Gesellschaft verankert. Sie lebten als Krieger und/oder Jäger in ihren eigenen Normen.

Das änderte sich langsam in dem Maße, in dem Männer sich ihrer eigenen Macht bewußt wurden. Wie Erich Neumann in "Ursprungsgeschichte des Bewußtseins" schreibt, begann der Mensch sich mit dem beginnenden Patriarchat aus der frühkindlichen, symbiotischen Mutter-Kind Beziehung zu befreien, welche im Matristischen Zeitalter religiös konstituiert war. Ein Ich-Bewußtsein erwuchs, das sich besonders im männlichen Kind als Loslösungsprozess von der Mutter und als Identifikation mit dem Vater erfuhr. Dies bedeutete Machtverlust der Großen Mutter und auch konkret der menschlichen Mütter und Frauen ganz allgemein.


Abwertung des Eros

Wir kennen alle den Begriff "bezirzen" - Frauen bezirzen Männer, weihen sie in die Geheimnisse des Eros ein und "verzaubern" sie so. Ganz im Sinne der christlichen Trennung von Liebe als "gut" und Sex als "schlecht" wird Bezirzen als bewußtes Verhalten verstanden, mit dem Frauen auf allen Saiten der Erotik spielend Männer verführen, oft um sie dadurch auch zu beherrschen. Im Altertum erleben wir die "Göttin des Bezirzens", Kirke, auch hilfsbereit und voller Fürsorge. In Homers Odyssee wird dies sehr deutlich. Kirke ist eine Göttin, die ihm als eines seiner Abenteuer auf seiner Irrfahrt nach Hause, nach Ithaka, begegnet und das er bewältigen muß:

Kirke lebt in einer Waldvilla auf einer Insel im Mittelmeer, wo sie an einem Webstuhl sitzt. Alle Besucher ihrer Insel verwandelt sie in in zahme Löwen, Wölfe und andere Tiere, die dort herumstreifen. Odysseus landet auf der Insel und schickt die Hälfte seiner Mannschaft los, um die Insel zu erkunden. Die Männer finden Kirkes Anwesen, und diese lädt sie ein bei ihr zu speisen, aber sie mischt ein Gift unter das Essen, durch das sie die Männer in Schweine verwandelt und in einen Stall einsperrt. Nur einer der Männer war aus Vorsicht Kirkes Einladung nicht gefolgt, er lief zurück zu Odysseus und berichtete ihm den Verlust der Anderen. Dieser packt sein Schwert und bricht zu Kirke auf. Unterwegs trifft er auf Hermes, der ihm das Kraut Molly gibt, welches ihn vor Kirkes Zaubereien schützt. Er bedroht Kirke mit seinem Schwert bis sie schwört ihm nichts anzutun. Sie entzaubert auch seine Gefährten aus ihrem Schweinedasein. Odysseus beschließt eine Zeitlang bei Kirke zu bleiben. Nach einem Jahr zieht es ihn wieder nach Hause. Kirke warnt ihn vor Gefahren auf bestimmten Wegen, vor den Sirenen, vor Untiefen und vor dem Raub der Rinder des Helios. Sie schickt ihm auch noch günstige Winde für die Fahrt.

Dieses Epos entstand um das 8./7.Jahrhundert v. Chr., also schon zu Zeiten des Patriarchats. Das machen auch die Rinder des Helios deutlich, die zu dieser Zeit schon die Schweine als heilige Fruchtbarkeitstiere abgelöst hatten. Kirke ist noch eine Gestalt der alten "Schweinegöttin", einer Göttin und Lehrerin der Kunst der Erotik. Dass sie an einem Webstuhl sitz, macht ihre Schicksalsmacht offensichtlich. Sie lebt inmitten gezähmter Löwen und Wölfe, das heißt sie ist selbst von solch wilder Natur, es sind Aspekte ihres Wesens, aber diese sind gezähmt, sie kann sie kontrollieren. Sie verwandelt Odysseus Männer durch ihre Initiation ins Reich des Eros in die ihr heiligen Tiere, in Schweine. Ursprünglich waren dies heilige Rituale zur Mannbarkeit. Aber diesen männlichen Entwicklungsprozess initiiert sie - aus der Sicht jener Zeit - nicht mehr wie in der Frühzeit aus ihrer göttlichen Liebeskraft heraus, sondern nur noch durch Zauberei. Sie und der Eros sind schon patriarchal abgewertet als dämonisch, als Männer um den Verstand bringend, als Männer entmachtend. Aber sie ist immer noch fürsorglich und hilfsbereit, sie verschafft Odysseus guten Wind zum Segeln und warnt ihn klug und wissend vor Gefahren. Hier zeigen sich noch ihre alten Wesensanteil eben auch von Mütterlichkeit.

Odysseus allein wird nicht von ihr in ein Schwein, in einen erotischen Liebhaber verzaubert, weil er sie mit dem Schwert zu töten droht. Mit männliche Herrschaft ist phallische Gewalt in die Beziehung zwischen Mann und Frau eingezogen - und das ist in vielen Gegenden des Mittelmeerraumes, ja der ganzen Welt heute noch so.


Weibliches wird unrein erklärt

Der Schweinekult muß im Orient ganz besonders und sehr viel stärker als in Europa ausgeprägt gewesen sein, was sich aus der bis heute anhaltenden exessiven Ablehnung des Schweines ableiten läßt. Alles von einer Religion Verdammte war zuvor Heiliges, denn ansonsten hätte es nicht verdammt werden müssen, um den neuen Göttern die Macht zu sichern.

Jakob Grimm schreibt, dass Völker sich und ihre Länder typischerweise nach ihren besonders verehrten und Identität stiftenden GötterInnen oder deren Beinamen benannten. Es wird dieser völkerkundlichen Erkenntnis folgend davon ausgegangen, dass Syrien, das alte Assyrien, nach einer dort einst herrschendem Matristischen Schweine- und Erdgöttin "Syr" (griech. "sys=Schwein", lat. "sus=Schwein", protoindog. "su") benannt wurde. So wie Schweine im dort herrschenden Islam bis heute als des Teufels verurteilt werden, so auch die sexuelle Ausstrahlung von Frauen. Kriege wirken durch das in ihnen lange und tief erzeugte Leid als Katharsis, als Läuterung, und haben darin auch ihren Sinn. So wundert mich der heutige Krieg dort untereinander - und gegen den Westen als Kultur-Verführer zur Gleichberechtigung der Geschlechter und des Fortschritts - nicht. Er birgt die Hoffnung auf "Ausbluten" der kulturell-religiösen Konflikte, so wie der Dreißigjährige Krieg sie Europa brachte.

Nicht nur im Islam, schon weit früher im Judentum wurde das Schwein als der alten Großen Mutter heiliges Tier in den Dreck gezogen, es wurde als unrein tabuisiert. Schweinefleisch zu essen war und ist für orthodoxe Juden wie für Moslems einfach nicht denkbar. Der kulturhistorische Grund, dass es die größte Kränkung für Jahwe wie für Allah gewesen wäre, vom heiligen Opfertier der von ihnen verdrängten Großen Mutter zu speisen, wurde ebenso verdrängt. Die Begründung Schweinefleisch mache krank, ist nur eine patriarchale Verschleierung dieser Ausgangslage: Alle Völker des Vorderen Orients verehrten früher Ebergötter, die geopfert und in heiligen Zeremonien verspeist wurden. Der syrische Adonis und der palestinensische Adonai sind Beispiele dafür. Ihre Priester, als Eber verkleidet, opferten Eber, indem sie ihnen "die Lende durchbohrten", sie kastrierten, damit ihr Blut gleichsam wie Samen die mütterliche Erde befruchten konnte. Daß die Priester, als Eber verkleidet, Eber opferten, ist Ausdruck des göttlichen Selbstopfers, dem wir in fast allen Religionen, bis hin zum Christentum, begegnen.

In den Matristischen Ritualen spielte Blut immer eine große Rolle, weil das Menstruationsblut als Zeichen von Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit verstanden wurde. Im Orient wurde das Schwein als Tier der schwangeren Göttin ebenso wie das Menstruationsblut der Frauen als Symbole alter weiblicher Macht "unrein" erklärt, die Patriarchale Männerwelt wollte an diese vergangene, angstauslösende Zeit ihrer Machlosigkeit nicht mehr erinnert werden. Das Christentum setzte später diese neuen gesellschaftlichen Normen und Gesetze nahtlos fort: das Schwein wurde zum Abbild gefräßiger Gier, schamloser Wollust und dreckiger Niedrigkeit.


Der Schöpfer-Eber und sein Blut

Anders als im Orient einschließlich des dort entstandenen Christentums wurde das Schwein in Eurasien durch das Patriarchat nicht abgewertet und als "unrein" erklärt. Aus einem indischen Mythos und auch aus germanischen Kulten geht dies deutlich hervor.

Der indische Gott Vishnu erzeugte, erschuf die Welt durch sein Selbstopfer als Eber. Er sagt von sich, sein Blut habe die gleiche Schöpfungskraft, wie sie früher nur das Blut der Großen Mutter innegehabt habe. Barbara G.Walker schreibt in Ihrer Enzyklopädie der Mythen und Geheimnisse: "Vishnu als Eber verkörpert einen frühen Versuch, einem männlichen Wesen das heilige, schöpferische Blut des Lebens zuzuordnen, das Menstruationsblut der Göttin. Als der phallische Gott, der sein Leben für die Menschheit gab, wurde der Eber von den germanischen Ariern gemeinsam mit der Göttin verehrt."

Blut, insbesondere das Eberblut bedeutete auch für die Germanen Schöpfungskraft. Der germanische Ebergott war der Sohn von Mutter Erde, gezeugt mit Eberblut. Diese "Zeugung" wurde rituell in Eberopfern wiederholt, bei denen das Blut des Tieres in die mütterliche Erde floß. In Skandinavien wurde er besonders zum Julfest (Wintersonnenwende) geopfert. Es gab ein Heiliges Mahl mit einem gebratenen Eber, dem man einen Apfel in die Schnautze gesteckt hatte. Der Apfel galt als Symbol der Sonne. Zum Julfest hatte sie ihren Tiefstand erreicht und begann wieder zu steigen, das neue Jahr begann. Der Apfel im Maul des Ebers zeigte dessen göttliche Lebenskraft: als Ebergott brachte er durch sein Selbstopfer die Sonne, den Sommer und alles Leben zurück. Das Wort "Jul"( =Gul/Gold) selbst zeigt den Sonnenaspekt des Festes. Spuren dieses Wiedergeburts-Sonnenrituals finden wir heute noch: Bei sehr großen Festessen wird gerne ein Schwein mit einem Apfel im Maul serviert!

Das männliche Wildschwein heißt Keiler. Eber wird es nur in seinem Fruchtbarkeitsaspekt genannt. Als Keiler steht er für Mut, Kühnheit, Kraft und Wildheit. Unser Begriff "Keilerei" hat ihn und seine Aggressivität zum Vorbild. Seine Eckzähne, die Hauer, werden "Waffen" genannt, und sie sind es wirklich. Tacitus schreibt, die Germanen trugen sie als religiösen Talisman. Den Keiler, besonders seine "Waffen", findet man auch auf vielen Wappen. Das Wildschwein ist das einzige wehrhafte Wild, das es in Mitteleuropa noch gibt. So gesehen wird der Eber/Keiler seiner alten Bedeutung gerecht, verkörperte (Über-)Lebenskraft zu sein.


Heilige Kessel, Heiliger Gral

In Eurasien ist anders als im Nahen Osten Schweinefleisch nach wie vor beliebte Volksnahrung.

Die Nordische Liebesgöttin Freya besaß einen magischer Kessel, in dem bei Opferriten Schweinefleisch oder Schweineblut gekocht wurde. Schweineblut wird heute noch in einem Kessel zu Blutwurst gekocht. Solch ein Kessel spielte auch bei den Kelten eine wichtige Rolle, speziell um Medizinen aus Kräutern herzustellen.

Der Kessel der alten Fruchtbarkeitsgöttinnen ist eine der den frühen Opfer-Erdhöhlen (wie in der Demeter-Kore Legende) nachempfundene kultische Gefäßform. Er ist psychologisch gesehen auch ein Abbild des weiblichen Beckens, in dem die Kinder - wie das Korn in der Erde - reif werden. Er symbolisiert wunderbar das damalige Verständnis der Einheit von Leben=Nahrung=Tod=Leben als weibliche Schöpfungsmacht.

Im Mittelalter wurde der Kessel als Heiliger Gral zum Symbol männlicher Schöpfungsmacht umgewidmet. In einigen Legenden wurde das Letzte Abendmahl Christi damit gefeiert. In der berühmten Gralslegende von Chrétien de Troyes (1140 bis 1190) kommt die ursprüngliche Bedeutung des Grals ("Gral" = griech. "Krater, Erdspalte") wieder zum Vorschein. Hier geht es wieder - wie in den orientalischen Adonis/Adonai Legenden und den indischen Überlieferungen des Gott Vishnu als Eber - um die Kastration zur Gewinnung von fruchtbarem, der Menstruation nachempfundenem Blut: Der Gralskönig Amfortas siecht an einer Verletzung "der Lende", an seiner Kastration durch eine Lanze dahin. Sein Blut wird in einem wertvollen Kelch, dem Heiligen Gral aufgefangen, da es ewiges Leben bringt. Die entscheidende Frage an den siechenden Gralskönig Amfortas, mit der Parsival diesen schließlich erlöst, heißt: "Warum leidest du?"

In den Endzeiten der Herrschaft der Großen Mutter litten die Könige, litt das Männliche unter der körperlichen wie seelischen Kastration durch deren Kult. Dieses als Leiden wahrzunehmen bedeutete die Erlösung durch das beginnende Patriarchat. Wir wissen wie im Patriarchat in der Folge umgekehrt die Frauen zu leiden hatten. Das Ende der geschlechtsspezifischen Herrschaftsformen ist für mich abzusehen, ein Zeichen dafür ist, neben unserer gesellschaftlichen Wertangleichung der Geschlechterrollen im Arbeits- und auch Familienleben, der für Aufsehen sorgende Film "Sakrileg", in dem der Gral letztlich in Gestalt einer jungen Frau aus der leiblichen Nachkommenschaft Jesu verstanden wurde. Der "Gral" ist wieder zurück bei den Frauen. Ein Machtausgleich zwischen den Geschlechtern erscheint dadurch möglich. Und das Schwein könnte - hoffentlich - wieder Symbol fruchtbarer, unverseuchter Erde werden.


Wahre Schönheit

Als Heiliges Tier der Großen Mutter galt das Schwein nicht nur als sexuelles Fruchtbarkeitssymbol, sondern es verkörperte auch alle Fähigkeiten um Haus, Hof und Acker zu pflegen, für die Familie zu sorgen, ja um eine gute Hausfrau und Bäuerin sein zu können. In einem Kaukasischen Märchen (Sammlung A. Dirr) wird erzählt, dass des Schweines Schönheit in genau diesen Lebenstalenten liegt und nur mit den Augen eines königlichen Selbst, aber nicht denen eines oberflächlichen Ego erkannt werden kann:

Ein armes, kinderloses Bauernehepaar besaß ein Schwein. Dieses Schwein war fleißig, es füllte die Wassereimer, fegte das Haus und regelte den ganzen Haushalt. Als es im Wald Wäsche aufhing, sich auszog und als wunderschönes Mädchen im Fluß badete, sah es der Königssohn, er erblickte in seinen Augen die Sonne. Das Mädchen zog seine Schweinehaut wieder an, der Königssohn folgte ihm und sagte dem Bauer, er wolle die Nacht bei ihm zubringen. Schließlich gab der Bauer trotz seiner ihn beschämenden Armut nach. Am nächsten Morgen bot der Königssohn dem Bauern zehn Goldstücke für sein Schwein, aber zunächst vergebens. "Dies Schwein ist unser Ernährer," sagte der Bauer. Für zwanzig Goldstück ließ er es dann doch dem Königssohn. Dieser wollte das Schwein heiraten, das ärgerte seinen Vater, den König sehr, aber er gab nach, als sein Sohn sagte, "Vater, davon hängt mein Glück ab!" Das Schwein legte seine Schweinehaut ab und es kam eine so schöne Jungfrau zum Vorschein, daß die Sonne sich vor ihr schämen mußte. Der König segnete die Beiden und setzte ihnen die Kronen auf.

Das hatte der neidische Minister beobachtet. Er ging zu allen Schweinehirten und kaufte das größte Schwein, das er fand. Er ließ sich mit dem widerspenstigen Schwein trauen, er führte es ins Brautgemach, küßte es und bat es ein schönes Mädchen zu werden. Aber das Schwein wurde immer böser zu ihm. Es packte ihn schließlich mit den Zähnen und biß ihm den Hals durch. Dann lief es zu seiner Herde zurück und der Minister wurde beerdigt. So endete die Ehe zwischen Minister und Schwein!

Dieses Märchen erzählt von der Kunst, Lebensfreude, die Hingabe ans Leben als Schönheit erkennen zu können. Das Schweinemädchen erinnert an die Goldmarie der Frau Holle, der Frau "Helle Sonne". Es ist fleißig, geschickt und im Einklang mit dem Wasser-, Sonnen- und Erdenlauf. Das engliche Wort "fair" beschreibt es am besten, "fair" meint zugleich gut und schön, so wie "foul" schlecht und häßlich bedeutet. Der Königssohn erkennt es als "fair" und damit sieht er seine Schönheit. Das Schwein lebt der Erde und der Sonne angemessen, das heißt es ist ein gutes, im kreatütlichen Sinn recht und richtig lebendes Wesen. Und das macht es in den Augen eines recht und richtig lebenden Menschen schöner als die Sonne selbst. Sehen wir heutigen Menschen es aus dieser Perspektive, so erscheint es auch uns als schön und wir verstehen, dass es das Heilige Tier der Urmutter war.

Der Minister im Märchen sieht dem Schwein nicht "unter die Schwarte", er will einfach nur das schwerste Schwein, Quantität statt Qualität ist seine Werteskala. Und das bringt ihm letztendlich statt Liebe den (Seelen-)Tod. Im Minister sehen wir den Prototyp des materialistischen Menschen und seines inneren Unglücks.


Echtes Leben

Ein Märchen von Hans Christian Andersen (entstanden um 1841) will ebenso wie das obige Märchen eines Hinweis darauf geben, wo und wie Glück zu finden ist:

Es war einmal ein armer Prinz, der wollte heiraten. Er wünschte sich die Tochter des Kaisers zu seiner Frau. Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, an dem nur jedes fünfte Jahr eine einzige, wunderbar duftende Rose blühte. Und er hatte auch eine Nachtigall, die alle schönen Melodien singen konnte. Diese Rose und die Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr zugesandt. Die Prinzessin hielt alles zunächst für Kunstfertigkeiten und freute sich, aber als sie die Geschenke berührte, war sie traurig und wütend, denn "Sie sind nicht künstlich, sie sind nur natürlich!" Sie wollte den Prinzen deshalb nicht zum Mann. Aber der gab nicht auf, als Schweinehirt verkleidet ging er zum Kaiserhof und bat in Dienst genommen zu werden. So geschah es.

Abends fertigte der Prinz-Schweinehirt einen Topf mit Glöckchen, die beim Kochen wunderschön die Melodie spielten "Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!" Die Prinzessin will den Topf haben und ist bereit dafür mit zehn Küssen zu bezahlen. Am nächsten Tag fertigt er ein Instrument, aus dem alle Walzer und Tanzlieder erklingen. Die Prinzessin will es haben und ist bereit dafür den Schweinehirten mit hundert Küssen zu bezahlen. Der Kaiser ist über das Verhalten seiner Tochter empört und beide müssen sein Reich verlassen. Die Prinzessin weint und der Schweinehirt offenbart sich nun in seiner Prinzenkleidung. Dann verläßt er sie. Sie singt traurig das Lied "Ach, du lieber Augustin, alles ist hin, hin, hin!"

Christian Andersens Märchen sind fast immer pädagogisch gemeint. Er ermahnt darin, auf das Echte zu achten, auf echte Gefühle, ehrliche Absichten und auch Küsse sollen wahre Zuneigung zeigen. Wird alles nur als Spaß und Spiel, als Inszenierung eines künstlichen, der Natur und dem Herzen fernes, unverbindlichen Vergnügen gewollt, so ist alles hin, ist Liebe und Heimat verloren. Das Schweinhüten war zur Zeit Andersens der niedrigste aller denkbaren Dienste - aber genau deshalb auch die beste Herausforderung, Schein und Sein unterscheiden zu lernen. Gelingt das nicht, dann ist wirklich alles hin.


Drecksschweine, Glücksschweine
Eine alte Frau weiß:

Die Fruchtbarkeitskulte um das Schwein und den Eber der Großen Mutter - und das Wissen um deren religiösen, lebenserhaltenden Sinn - verschwanden langsam und unauffällig in dem Maße, wie auch das Bewußtsein für die Heiligkeit von Mutter Erde erlosch. Heute spricht man von einem "Drecksschwein", wenn jemand schmutzig ist. Erde ist immer auch "schmutzig", viele fassen sie deshalb nicht gerne an. Stadtkinder glauben häufig, Obst und Gemüse "wachse" ganz sauber in den Läden. Sie wissen gar nicht mehr um die Wunder bergende Wachstumskraft der Erde. Die Verseuchung der Erde durch Überdüngung und Giftstoffe vieler Arten ist das furchtbar traurige Resultat dieses Prozesses. In einem übertragenen Sinn sind wir alle zu "Drecksschweinen" geworden.

Werden wir wieder zu Glücksschweinen! Aber wir werden es nur, wenn auch die Schweine wieder glücklich sein dürfen. Lernen wir wieder Mitgefühl für alle Geschöpfe. Lernen wir wieder, dass es nichts "Niedriges" gibt. Und lernen wir wieder, dass unsere "Nutztiere" unseren Respekt verdienen. Nehmen und Geben zeugt von Vernunft - Glück ist Einklang. So wie das Schwein mit der Erde.


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Stus Blog

Cornelia Savory-Deermann Cornelia Savory-Deermann

Cornelia
Savory-Deermann
, geboren 1945 in Wuppertal, hat seit 1971 Englische Bulldoggen. Seit Mai 2005 haben die Bulldogs hier ihr eigenes deutsches Weblog bekommen:

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Die Buchkapitel:

Inhalt

Einleitung

Tiere als Spiegel der Seele

Tiere als Sinnbild der Kultur

Bilder von Maggie M. Roe

1. Adler
2. Bär, Bärin
3. Biber
4. Biene
5. Delphin
6. Esel
7. Eule
8. Falke
9. Fisch
10. Fledermaus
11. Frosch, Kröte
12. Fuchs
13. Gans
14. Hase
15. Hirsch
16. Huhn, Hahn
17. Hund
18. Katze, Kater
19. Krebs
20. Kuh, Stier
21. Maus
22. Möwe
23. Mücke
24. Muschel
25. Otter
26. Pferd
27. Rabe
28. Ratte
29. Reh
30. Schaf, Widder
31. Schildkröte
32. Schlange
33. Schmetterling
34. Schwan
35. Schwein, Eber
36. Seehund
37. Spinne
38. Storch
39. Taube
40. Wal
41. Wolf
42. Ziege, Z-Bock

Literatur-Verzeichnis




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