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Tiere als Spiegel der Seele und Sinnbild der Kultur
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Wal
Der Wal taucht in die Tiefen der Meere ab. Er ist ein Säugetier, er atmet Luft wie wir. Trotzdem kann er tiefer ins Dunkle Wasser sinken als alle anderen allgemein bekannten Wasserwesen, er kann die Tiefe und ihren Druck ertragen. Heute weiß man, dass ein Pottwal in Tiefen bis zu 3000 Meter abtaucht, in denen er sich auch ernährt. Wasser ist der Ursprung allen Lebens, und es schenkt zu dessen Erhalt Wachstum und Erneuerung. Ein Lebewesen, welches immer wieder in seine undurchdringlichen, menschlichem Verständis unzugänglichen Tiefen versinkt und dann gestärkt daraus emportaucht, das wurde, ich möchte sagen fast zwangsläufig zum Sinnbild für die ewige Folge von Tod und Geburt, wie dies Mythen aus aller Welt ja auch erzählen. In den Mythologien der Welt war das Untertauchen ins tiefe Meer im Bauche eines Wales zum Sinnbild eines vorgeburtlichen Zustandes geworden, vergleichbar der embryonalen Existenz im Fruchtwasser. Die Zeit des In-der-Tiefe-Bleibens galt als ein neuer Wachstums- und Reifungsprozess, ähnlich einer Schwangerschaft. Es geht in all diesen Sagen aber nicht mehr um das paradiesisch unbewußte Wachstum eines Fötus in der Mutter, sondern um einen spirituellen Reifungsprozess des Selbst, meist als Folge von Lebenskrisen. Oft geraten Menschen durch schwere Krankheiten, Verluste oder Schuld in solche seelischen Dunkelphasen. Werte und Sinn werden durch diesen Leidensdruck oft ganz anders, weniger materialistich und ichbezogen neu definiert. Ich würde in diesen Zusammenhang auch das Phänomen von Spontanheilungen einordnen. Der bekannteste Walbauch-Mythos ist die bibliche Geschichte von Jona im Alten Testament. Es geht um Reifung, um spirituelles Wachstum, um Mut und Vertrauen in Gott: Der Prophet Jona durchlebt eine Lebenskrise, als er sich einem göttlichen Auftrag aus Angst um sein Leben entziehen will und mit einem Schiff flüchtet. Er wird bei Sturm über Bord geworfen und von einem Wal verschluckt. Nach drei Tagen in dieser abgründigen Dunkelheit überwindet er seine Angst: "Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir; ich schrie aus dem Bauch der Hölle, und du hörtest meine Stimme. Du warfst mich in die Fluten mitten im Meer, daß die Fluten mich umgaben; alle deine Wogen und Wellen gingen über mich. Wasser umgaben mich bis an mein Leben, die Tiefe umringte mich. Schilf bedeckte mein Haupt. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, die Erde hatte mich verriegelt ewiglich; du aber hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr mein Gott. Da meine Seele bei mir verzagte, gedachte ich an den Herrn; und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. Die da halten an dem Nichtigen, verlassen ihre Gnade. Ich aber will mit Dank dir opfern, meine Gelübte will ich bezahlen; denn die Hilfe ist des Herrn. - Und der Herr sprach zu dem Fische, und er spie Jona aus an Land." (Jona 2,3-11) Bildhaft "im Bauch eines Wales" gefangen, begegnet Jona seinem innerem Schatten (C.G.Jung), seinem angsterfülltem Ego-Verhaftetsein. Seine äußere Dunkelheit und Not dort im Bauch reflektiert seine innere. Er überwindet seine Angst, indem er sie in der Konfrontation als "nichtig" erkennt. Er gewinnt eine höhere Perspektive auf sein Dasein, er sieht sein Leben und sein Sterben nun nicht mehr als existentiellen Gegensatz. Jona findet in seinem tiefem, hilflosem Leidem zu Gefühlen der Gnade, des Wissens, der Hingabe und des Dankes. Und er wird so neugeboren, das heißt in der Mythensprache vom Wal ausgespuckt. Wieder reflektiert die äußere Welt, diesmal die des Tageslichtes, seine innere, jetzt erleuchtete Wirklichkeit. "In der Beschäftigung mit unsere eigenen Tiefen, dem Hinabtauchen in unser Unbewusstes, können wir uns selbst und auch die Welt neu gestalten – das verspricht das Symbol des Wales als archetypisches Bild." (Bernd Dauner)
Wasser nährt und reinigt aber nicht nur, es kann auch ins Dunkel verschlingen und nie mehr freigeben. Der Grieche Physiologus (2. Jh. n.Ch.) beschreibt zum Beispiel in einer seiner Tiergeschichten den Wal als eine scheinbar sichere Insel, der auf ihm ruhen wollende faule Fischer in die Tiefe reißt. Hier vollzieht der Wal die Strafe für moralisch als falsch bewertetes Handeln. Die "Tiefe" hat hier einen Höllenaspekt. Interessant ist auch eine Geschichte des griechischen Satirikers Lukianos von Samosata (2. Jh. n.Ch.). Er schreibt von einem Helden, der auf dem Mittelmeer mit dem Schiff in dem mit riesigen, spitzen Zähnen bewehrten Rachen eines Wales landet. Er lebt dort 27 Jahre in einer Welt mit Menschen und Märkten, Feldern und Vieh. Seine Welt im Wal ist gleich der Welt, die er verließ. Die Menschen auch dort führen Krieg und dabei stecken sie den Wal in Brand, der stirbt und nun kann der Held mit Schiff und Matrosen aus dem toten Walmaul entfliehen. Er und seine Weltwahrnehmung haben sich im Walbauch nicht verändert. In dieser Geschichte wird der "Held" als unbelehrbar und seelisch stagnierend als ewiger Kriegführer dargestellt; in seiner Tiefe findet er nur sein Ego, nicht anders als in seinem Alltagsbewußtsein. Dieser Wal spuckt den "Helden" und seine Mannschaft nicht seelisch gewachsen und geläutert aus, sondern der Wal wird von diesen im Zuge eines Krieges verbrannt und getötet. Aus dem totem Wal können die Männer sich selbst als weiterhin nur einer äußeren Welt zugehörig befreien. Töten ist immer auch ein symbolisches Bild für die Herrschaft des Patriarchats, zumal wenn wie in dieser Geschichte der "Held" mit dem Wal seine "spirituelle Gebärmutter" tötet. Er zerstört seine Chance zu Frieden und Mitgefühl allem gegenüber, einschließlich zu sich selbst. Diese Spottdichtung aus dem 2. Jahrhundert läßt an die kriegerischen Spannungen heutezutage und an die durch Gier und Überbevölkerung bedingte Umweltzerstörung denken. Braucht die Menschheit kollektiv gesehen eine solch tiefe Dunkelheit wie Jona, um zu einer Perspektive jenseits ihrer vielen "Helden-Egos" zu gelangen? Mit dem Brand im Wal klingt noch ein weiterer Aspekt des uraltes Themas "Licht und Dunkelheit" an: die Nachtmeerfahrt der Sonne. Leo Frobenius veröffentlicht 1905 in "Das Zeitalter des Sonnengottes" ein Schema solcher Nachtmeerfahrten im Bauche eines Seetieres. In der Bibel ist nur von der "Hölle" die Rede, in ähnlichen anderen Mythen wird von einem Feuer im Bauche des Seetieres erzählt, daß so heiß ist, daß dem Helden davon alle Haare ausfallen. C.G.Jung weist in seinem Werk "Psychologie und Alchemie" darauf hin, daß es in diesen Wal-Mythen um den Gegensatz von Wasser und Feuer gehe und um deren Vereinigung. Daher die Bedeutung dieses Symbols in der Alchemie. Die Sonne, das Feuer eben, versinkt jede Nacht im Meer, ohne zu erlöschen: sie steigt Morgen für Morgen unbeschadet wieder daraus empor. In diesen Mythen geht es um die Läuterung des Helden zu solch einem inneren, unsterblichen "Sonne-sein". Die tiefen und sehr dunklen Erfahrungen, die zur Entwicklung eines Bewußtseins führen, das um seine unzerstörbare Leuchtkraft weiß, werden im Gewand dieser Mythen erzählt. Der Held erfährt im Bauch des Seetieres bei seiner "Sonnen-Reise" durch die kalten und dunklen Wassertiefen fundamentale Veränderung. Sein Erlebnishorizont weitet sich in bislang ungeahnte Dimensionen. Die Überwindung von Polaritäten wie Sonnenlicht und Meeresdunkel, Leben und Tod, gelingt ihm durch dieses Erleiden todesgleicher Schrecken tiefster Verlorenheit. Aus einer übergeordneten Betrachtungsebene, man kann auch sagen Bewußtseinsstufe, können Polaritäten unserer alltäglichen Wirklichkeit als nur scheinbar erkannt werden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Sonnenlauf. Von der höheren Beobachtungsposition Weltraum heraus erkennt man, daß die Sonne eben nicht im Meer versinkt und stirbt, sondern dass die Erde sich um sich selber dreht und damit alles auf sich abwechselnd Sonnenlicht und Sonnenschatten erfahren läßt. Genauso wissen Mystiker und Schamanen aus ihren nichtphysischen Realitätserfahrungen heraus, daß der physische Tod nur scheinbar das Verlöschen des Lebens bedeutet. Sie erfahren die Dunkelheit als Schöpfungsprozess von Neuem.
Der Wal scheint in seiner riesigen Größe eine Inkarnation der so mächtigen, dunklen Meerestiefe selbst zu sein. "Wal", "Whale" klingt wie Welle, und ihre gewölbten Rücken zwischen den Meereswellen ließen auch mich auf verschiedenen Whalewatching Touren an Fleisch gewordene Wellenberge denken. Mit ihren Fluken können sie riesige Wellen, Wirbel und Strudel schlagen. Wale sind gewaltig und zur Not gewaltsam wie ein Meeressturm. Ihre Größe und Urkraft flößte den Menschen - nicht nur im übertragenen Sinn - Ehrfurcht und auch Schrecken ein. Walfänger genossen deswegen seit eh und je bei allen Völkern hohen Respekt. Mit der Industrialisierung Europas begann dann aber seine Massenverfolgung: Der erste dampfgetrieben Walfänger ging 1873 in Dienst, das große Schlachten begann. Der Roman "Mobby Dick" des Amerikaners Herman Melville erschien 1851. Er gilt als „Meisterwerk zur Autobiographie eines Jahrhunderts, zur Autobiographie einer Nation, zur barocken Summe menschlicher Erfahrung von Jahrtausenden“ (Rudolf Sühnel). Der erzählerische Kern dieses Romans ist der Kampf des Walfängers Ahab gegen den weißen Wal Mobby Dick. Die Ich-Figur des Romans, der Matrose Ismael, erzählt vom Wal als Sinnbild der Unschuld, Ehre, Güte und Gerechtigkeit. Der Weiße Wal symbolisiert in diesem Roman letztendlich das "Gute, Schöne und Wahre", wie es der griechische Philosoph Platon (427 v.Ch. - 348 v.Ch.) als Idee beschrieb, und welches als Ideal unsere ganze westliche Kultur prägte. Ahab dagegen steht für ungezügelte Emotionen, für Gottlosigkeit, Rache, Hass und Fanatismus. Er sieht sich in einem langen Zweikampf mit diesem Wal; ich möchte sagen er repräsentiert den Unterdrückungswillen seiner Zeit gegenüber den Urkräften der als unbesiegbar erfahrenen Natur. So endet auch der Roman, Ahab wird von Mobby Dick in die Tiefe gezogen... Der Roman greift mit Mobby Dick reale Geschehen auf: wiederholt wurden Walfangschiffe, und zwar nur diese, von weißen Pottwalen mit dem Kopf gerammt und so versenkt. Erstaunlicherweise scheinen sie Verständnis für Schiffskonstruktion zu haben, denn sie rammten die Schiffe immer an Stellen, die diese unweigerlich zum Kentern brachten. Heute weiß man, dass Pottwale mit dem Alter tatsächlich erweißen. Ein weißer Wal ist immer ein sehr alter Wal voller Erfahrungen. Er beschützt seine Familie mit allem was er kann, so wie ein menschlicher Vater es auch tun würde. Von Walforschern wurde einmal ein alter Weißer beobachtet, der sich offensichtlich selbst opferte, sich von einer Übermacht angreifender Orkas töten ließ, um diese von den Weibchen und den Jungen seiner Familie abzulenken und diesen so zur Flucht zu verhelfen. Der Mythos des heroischen Mobby Dick half den Walen nicht vor weiterem Abschlachten, dazu waren die Gewinnspannen zu hoch. Noch toppte Geld das Mitgefühl. Als Konsequenz nahmen die Walbestände weltweit immer weiter ab. In den 1930er Jahren fingen 200 Walfangschiffe jährlich etwa 40.000 Wale alleine in der Antarktis. Als auch dann diese Bestände schrumpften, ließ sich das Ende der Walfangindustrie absehen. Unter dem Krieggeschehen auf den Meeren während des 2. Weltkrieges schrumpfte diese Industrie zusätzlich. 1948 wurden die ersten Fangquoten von einer Internationalen Walfangkommission festgelegt, und 1986 setzte die Walfangkommission schließlich die Fangquoten auf Null. Ein starker Grund für diesen letzten Schritt war die öffentliche Meinung: in den 1980er Jahren wurde die Welt unter anderem durch spektakuläre Aktionen der damals jungen Umweltorganisation Greenpeace, die mit Schlauchbooten zwischen die Harpunen der Walfänger und fliehende Wale fuhr, auf den Walfang aufmerksam. Junge Menschen übernahmen die Rolle des "Alten Weißen". Mitgefühl, Staunen und Respekt vor diesen großsartigen Wesen begannen die Stimmung zu beherrschen. Die Filmindustrie griff diesen Trend erfolgreich auf und vertärkte ihn.
Anfang der 90er Jahre bewegt der Film "Free Willy" Millionen Herzen. Der Inhalt: Der Junge Jesse wurde von seiner Mutter verlassen. Er überwindet diesen Verlust nicht, wird schwierig, aggressiv und verschlossen. Seine verständnisvollen Pflegeeltern erlebt er als "Gefängnishüter". Der Wal Willy erlebte ein Parallel-Schicksal: Er wurde als Waljunge, von der Seite seiner Mutter weg eingefangen und an einen Zirkus verkauft. Auch er verkraftet diesen Verlust nicht. Seine liebevolle Trainerin läßt er keinen Kontakt zu sich finden, er wird eigensinnig und böse. Jesse und Willy begegnen sich. Sie mögen sich sofort, ein geheimnisvolles Band der Symphatie verbindet sie. Willys Pfleger, ein Indianer, sagt, die beiden wären wohl Blutsbrüder. Willy lernt bereitwillig von Jesse alle Kunststücke, die der Zirkusdirektor wünscht. Er liebt Jesse und Jesse liebt ihn. Willy beginnt zu singen. In der großen ersten Publikumsvorführung aber verweigert Willy jeden Gehorsam, er wird wütend. Er gibt klar zu verstehen, daß er dieses Zirkusdasein nicht will. Jesse ist traurig und der Zirkusdirektor will Willy heimlich sterben lassen, um wenigstens die Versicherungssumme für ihn zu bekommen. Jesse ist entschlossen Willy zu retten, ihm zur Freiheit im Meer zu verhelfen, ihn zu seiner Familie finden zu lassen. Willys indianischer Pfleger, dann seine Trainerin und schließlich auch Jesses Pflegeeltern machen bei dieser großen Rettungsaktion mit. Willy wird mit einem Kran in einen Laster gehoben und unter riesigen, praktischen und zeitlichen Schwierigkeiten in eine abgetrennte Meeresbucht gebracht. Der Zirkusdirektor verfolgt sie. Jesse verabschiedet sich weinend von Willy: "Ein einziger großer Sprung über die Mauer, und du bist frei. Willy, ich glaube an dich. Du kannst es schaffen!" Und Willy schafft es. Das letzte Bild: Willys durch die Gefangenschaft gekrümmte Rückenflosse verschwindet inmitten aufrechter Rückenflossen im weiten Meer. Willys Weg in die Freiheit und zu den Seinen verläuft synchron mit Jesses Entwicklung zu Verantwortung und Vertrauen zu seiner Pflegefamilie. Willy symbolisiert das Leid und die Hoffung Jesse's, und umgekehrt. Seine Hilfe für den Wal Willy bringt Jesse die Hilfe für sich selbst. Und wieder gilt das auch umgekehrt. Diese Botschaft ist das Geheimnis des riesigen Erfolges dieses Films. In den USA sammelten KINDER über $100000 für die Befreiung des Wals Keiko, der Willy gespielt hatte, aus seinem Zirkusdasein. Dadurch aufgeschreckt spendeten anschließend die verschiedensten Organisationen die mehreren Millionen Dollar, die nötig waren, um Keiko von Mexiko, über eine Auswilderungsphase in Oregon USA, zu seinen Heimatgewässern nach Island zurück zu bringen. Es gab vorher viele Filme über das traurige Leben von Zootieren. Aber Symbol für das Leben in Freiheit wurde weder Panther noch Adler. Nur ein Wal mit seiner Sehnsucht nach Freiheit, nach endloser Weite und mit seiner Bereitschaft, auch Menschen zu lieben, erreichte dies.
Ein paar Jahre nach dem Film "Free-Willie" bezauberte ein weiterer Wal-Film die Menschen: "Whale Rider" (2002, Deutsch-Neuseeländsche Produktion). Eine alte Maori-Legende wird in dem Film aufgegriffen: Vor tausenden Jahren kam der Maori-Urahn Paikea auf einem Wal reitend an die neuseeländische Küste und gründete das Dorf Whangara. Seitdem trägt das Oberhaupt der Gemeinschaft den Namen Paikea und vererbt diesen an den Erstgeborenen der männlichen Nachkommen. Der Film erzählt von den Konflikten zwischen Tradition und Moderne am Beispiel der Geschlechterrollen, denn es gibt nur ein Mädchen als direkten Nachkommen. Dieses Mädchen, Pai, stellt sich der Tradition und damit ihrem Großvater entgegen: sie will auch als Mädchen den Ehrennamen "Paikea" tragen dürfen, zumal ihr in Deutschland lebender Vater ihr diesen Namen bei ihrer Geburt gab. Sie trainiert heimlich und erfolgreich mit einem Onkel den traditionellen Kampfsport, um wie die Jungen so stark zu werden, wie es ein Oberhaupt des Stammes zu sein hat. Sie übt auch die wunderschönen Gesänge und Tänze, die Rituale der Liebe und des Überlebens von Wal wie Mensch. Der Großvater trägt als Zeichen seiner Würde einen Walzahn an einer Kordel um seinen Hals. Um den nächsten "Paikea" unter den Jungen der Gemeinschaft zu finden, wirft er diesen ins Meer. Wer ihn tauchend findet, der ist würdig der nächste Paikea, der nächste Walreiter zu sein. Keinem der Jungen gelingt dies. Bei Nacht fährt Pai dann im Boot mit ihren Verbündeten Großmutter und Onkel hinaus in die Bucht und taucht nach dem Walzeit - sie findet ihn. Der Großvater fällt in eine große seelische Krise, er gibt Pai die Schuld am Zerbrechen der Tradition und damit der ganzen Gemeinschaft, da sie als Mädchen etwas anstrebt, das immer nur Jungen zustand. Und Pai sowie die Großmutter geben dem starrsinnigen Beharren des Großvaters auf den tradierten Geschlechterrollen die Schuld für die Krise der Gemeinschaft. Sehr bewegend ist, dass in dieser polarisierten Situation nie der Respekt voreinander und nie die Liebe zueinander Schaden nimmt. Dann geschieht, dass eine Walfamilie im Dorf strandet, und niemand, auch der Großvater nicht, kann das Wal-Oberhaupt zurück ins Meer führen. Und so bleiben auch die anderen Wale dieser Gemeinschaft sterbend am Strand liegen. Pai singt die Wallieder, die Gebete sind, für den großen Gestrandeten. Sie steigt auf seinen Rücken. Der Wal atmet und bewegt sich, er gleitet mit ihr auf seinem Rücken zurück in die Flut. Und in die Tiefe; Pai´s Reise auf dem Wal in die dunkle Tiefe ist ein Initiationsgeschehen. Bewußtlos treibt sie irgendwann zurück nach oben und ans Land. Sie überlebt und wird geehrt als "Kahutia Te Rangi" (dt.: "Kahutia, die Himmlische"). Der Großvater akzeptiert sie nun als Paikea, denn der Wal hat so entschieden. Sie durfte und konnte ihn reiten, so wie der Urahne Paikea. Der Film macht in dieser Geschichte durch wunderschöne Bilder und Szenen die Nähe, Vertrautheit, Verwandschaft des Wales mit den Menschen erfühlbar. Wale leben und gestalten ihre Gemeinschaften, sie verstehen, helfen und respektieren einander. Sie sind Lebensvorbilder für die Gemeinschaft dieses Dorfes. Wale wie Menschen lieben es singend zu kommunizieren und benötigen viel Körperkontakt, ja Zärtlichkeit zu ihrer Zufriedenheit. Wale und Menschen sind verwandt, so wie es viele Legenden der Küstenvölker erzählen.
Der neuseeländische Walforscher Paul Spong saß am Rande von Skanas Trainingsbeckens, einer Orka. Die beiden mochten sich. Sie ließ sich gerne von Paul Spong den Kopf reiben und senkte dann ihren Körper ab um ihn zu ermuntern, zu ihr ins Wasser zu kommen. Aber er hatte Angst vor ihren Zähnen, bislang hatte er es nicht gewagt. In jenem Morgen nun kam Skana wie stets langsam näher, bis kurz vor seine Füße, die im Wasser baumelten. Dann sperrte sie plötzlich das Maul auf und fuhr mit ihren Zähnen leicht über seine Füße hinweg. Sofort sprang er vor Angst auf. Er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären, erkannte aber an ihrem ruhigen Abwarten, daß es nicht aggressiv war. Er faßte Mut und setzte sich wieder an den Beckenrand. Skana wiederholte ihr Vorgehen. Sie wiederholte es so lange, bis Paul Spong seine Füße nicht mehr wegzog, weil er keine Angst vor ihren Zähnen mehr hatte. - Da verstand er: Skana hatte IHN trainiert! Sie hatte ihm durch geduldige Wiederholung ihres Manövers beigebracht, daß er keine Angst vor ihren Zähnen haben müsse, da sie nicht vorhabe, ihn zu verletzen, sondern nur mit ihm zu spielen und zu schmusen. Paul Spong sprang ins Wasser und Skana sang vor Freude, ließ ihn auf sich reiten und war offensichtlich hoch zufrieden mit ihrem Lehr-Erfolg. Ich selbst erlebte vor mehreren Jahren vor der isländischen Nordküste einen Buckelwal, der bewußt Kontakt zu uns Menschen auf Whale-Watching-Fahrt aufnahm: Wir sahen seinen Blast von unserem alten, umgebauten Holzschiff aus und hofften sehr, er würde näher kommen. Er tauchte ab - und unerwartet plötzlich tauchte er steuerbordseite direkt neben uns wieder auf. Er legte sich längs des Schiffes, das kürzer als er selber war. Dann hob er nur seinen Kopf aus dem Wasser hoch heraus und sah uns mit seinem großen Auge längere Zeit direkt und bewegungslos an. Niemand von uns Touristen rührte sich mehr, keiner sagte etwas vor Überraschung und auch Verzauberung. Dann senkte der Wal seinen Kopf und hob nun seinen mehrere Meter breiten Rücken aus dem Wasser. So verharrte er wieder einige Zeit. Danach senkte er seinen Rücken ab und zeigte uns seine schöne, weiß gemusterte, riesengroße Fluke. Er hielt auch diese still einige Minuten hoch. Er ließ uns Zeit zum Fotografieren! Dann senkte er seine Fluke ab und hob erneut nur seinen Kopf über Wasser. Er sah uns wieder eine Weile still und direkt an... Wir alle an Bord wußten, dieser Buckelwal hatte sich uns bewußt präsentiert, er hatte uns für "gut" befunden und sich uns dann vorgestellt! Zuletzt tauchte er ab und zeigte uns zum Abschied seine erstaunlich weißen meterlangen Flipper, er winkte uns damit zu, anders kann ich das nicht nennen.... Manche Wale lieben uns Menschen, trotz allem...
Da der Wal aufgrund seines Lebens im Wasser nicht wie wir auf externe Erinnerungsspeicher wie Bücher und Computerdateien zurückgreifen kann, muß er alle ihm wichtige Daten in seinem Gehirn speichern. Er nutzt zur Umwelterkennung und Kommunikation ein Sonarsystem und besitzt auch einen Elekromagnetischen Sinn. Die Forscher gehen davon aus, daß er ein gesamtes geographisches und magnetisch koordiniertes "Kartenwerk" der Meeresgründe, einschießlich ergänzender Daten über Strömungen von Pol zu Pol, Nahrungsgründen und "Siedlungsgebieten" anderer Walfamilien u.s.w., in seinem riesigen Gehirn gespeichert hat. Außerdem beherrscht jeder Wal mehrere "Walsprachen" und viele viele Gesänge, und er komponiert auch selbst solche. Viele Walforscher sprechen deshalb von ihrer Kultur. Wale haben ein hochentwickeltes Sozialverhalten und Kommunikationsvermögen. Ihr ganz außergewöhnliches "Personengedächtnis" macht ihnen dies leicht. Auch wilde Wale erkennen nach vielen Jahren noch einzelne Menschen wieder, mit denen sie einmal zu tun hatten. In einer Filmdokumentation über Wale berichtete ein Kapitän, dass ein bestimmter Buckelwal, dem er schon einige Male begegnet war, heranschwomm und ihn mit einen Fluckenschlag begrüßte, welcher ihm genau gezielt nur die Nase nass spritzte. Dann tauchte er gleich wieder ab. Vielleicht haben einige Wale ja auch Sinn für Späße und Humor. Für die Indianer ist der Wal der große Bewahrer, der Bewahrer von Wissen aus der Vergangenheit von Mutter Erde, das bis zum Urkontinet "Mu" ihrer Mythologien zurückreicht, der einst unterging und aus dessen Trümmern unsere heutigen Kontinente entstanden. In ihren Gesängen würden die Wale sich dies Wissen überliefern. Auch in einer hinduistische Sage hat nur der Wal Zugang zu dem Wissens aus früherer Welten: Nach dem Untergang eines Weltzeitalters beauftragte der Schöpfergott Brahma Vishnu, den Erhalter des Universums, die Erde neu zu erschaffen. Dazu musste er jedoch die alten Bücher des Wissens, die Veden, vom Grunde des Meeres herauf holen. So verwandelte Vishnu sich in einen Wal und holte in die Tiefe eintauchend die heiligen Bücher zurück auf die Erde und gestaltete mit deren Wissen die Welt neu.
Die Kraft des Wals hilft euch bei der Suche nach euren Ursprüngen. Er lebt im Ozean, dem Wasser des Lebens, und er kennt seine tiefsten, verborgenen Gründe. Er umrundet die Erde seit Anbeginn aller Erinnerung, er trägt die Geschichte der Erde in sich. Er trägt die Geschichte jeder Seele in sich. Lauscht dem Gesang des Wales, und ihr findet euren ganz persönlichen Klang. Singt diesen Klang, und ihr werdet in seinen Schwingungen euren Ursprung und eure Bestimmung erinnern.
Hinter sich lassen die Wale eine bunte Kugel, eine Kugel wie eine Eizelle, geschlossen, Keimblätter bergend. Vor ihnen spannt sich ein Regenbogen auf: die Keimzelle hat sich entfaltet. Sie ist ein Tor ins Licht geworden. Ein Wal springt hoch aus dem Wasser diesem Tor entgegen. Sein Körper spiegelt die Farben und Formen des Himmelsbogens - und der Bogen spiegelt Schicksal und Träume des Wals. Das Leben als Entfaltung, die Welt im Einklang. Wasser und Feuer zum mystischen Friedenstor verschmolzen.
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